Die Rückkehr von Freiheit und Arbeit in eine neue Linke
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1967 bis 1969 besuchte ich das Lessing-Gymnasium in Frankfurt. Die Schule lag in unmittelbarer Nähe des Amerika-Hauses sowie des „IG-Farben“-Gebäudes, in dem das Oberkommando der US-Streitkräfte in Europa untergebracht war. Beides waren zentrale Schauplätze der Studentenunruhen von 1968. Es gab Streiks und Vollversammlungen an der Schule. Direkt vor dem Fenster unseres Klassenzimmers standen die Statuen von Lessing und Melanchton. Eines Morgens waren sie mit roter Farbe überschüttet und hielten eine rote Fahne. Auch wenn ich mit elf oder zwölf Jahren kaum verstand, worum es ging, war ich seit dieser Zeit politisiert. Auch zuhause wurde immer wieder über Politik gesprochen. Ich verfolgte die Diskussionen um Notstandsgesetze, Vietnamkrieg und Entspannungspolitik. Und auch der Standpunkt war klar. Wir waren links und natürlich für die Brandt‘sche Ostpolitik. Und obwohl ich auch 1972 noch lange nicht wahlberechtigt war, ging ich doch mit Stickern „Willy wählen“ in die Schule. Und trotz unterschiedlicher Wahlentscheidungen und Funktionen im Top-Management von Konzernen war ich irgendwie gefühlt mein Leben lang links.
Inflationierung und Desorientierung des Begriffes „links“
Aber was bedeutet „links“ und „rechts“? „Das Herz schlägt links“ lautete der Titel eines Buches von Oskar Lafontaine. Wäre es auch denkbar, dass jemand ein Buch schreibt: „Das Herz schlägt rechts“? Welchen Wert hat noch die Etikettierung „links“, wenn das Gegenteil gar nicht mehr denkbar ist? Sind es dann nicht nur inhaltsleere Stellvertreter für „gut“ und „böse“, die als Argumentationsersatz gebraucht werden und dazu dienen, sich selbst ohne inhaltliche Auseinandersetzung auf der richtigen Seite zu fühlen?
Noch schwieriger wird es, wenn man auch nur ein bisschen in aktuelle Themen einsteigt: Wenn man für regenerative Energie, für die Entlastung der Innenstädte vom Verkehr und erst recht für die Verlagerung von der Straße auf die Schiene eintritt, sich aber dagegen wehrt, dass das in der Nachbarschaft stattfindet, ist das dann links oder rechts? Wenn man sich verbal im ökologischen Umbau der Wirtschaft an Radikalität übertrifft, aber kein Konzept und auch kein Interesse an der Frage hat, wie man das technisch und sozial bewältigt, ist das dann links oder rechts? Wenn man Fahrverbote auch auf Hauptverkehrsstraßen nur als Sieg der Ökologie über die Konzerne feiert, aber vollkommen vergisst, dass es auch die Lebensqualität von Millionen arbeitender Menschen betrifft, ist das links oder rechts? Wenn die öffentliche Infrastruktur über Jahrzehnte vor unser aller Augen vergammelt und Pendler im Stau stehen oder sich in vollen und verspäteten Zügen drängeln wie nach dem zweiten Weltkrieg, ist das dann links oder rechts?
Wenn durch Inklusion der Unterricht fast unmöglich gemacht wird, die eigenen Kinder aber auf Waldorfschulen geschickt werden, ist das dann links oder rechts? Wenn jede Diskussion über Integration von Migranten als rassistisch gebrandmarkt wird, bis sich schließlich Clans und andere undurchdringliche Strukturen gebildet und die eingesessene Arbeiterbevölkerung aus den Vierteln vertrieben haben, ist das links oder rechts? Wenn der ländliche Raum über Jahrzehnte vernachlässigt wurde, bis in den Ballungsräumen die Mietpreise jede Lohnerhöhung auffressen, ist das dann links oder rechts?
Wenn die seit Jahrzehnten bekannte demografische Entwicklung ignoriert und weiter Geld nach dem Prinzip „nach mir die Sintflut“ ausgeschüttet wird, ist das dann links oder rechts? Wenn man noch 20 Jahre später die „Agenda 2010“ verteufelt und einfach ignoriert, dass durch sie die Arbeitslosigkeit halbiert wurde, ist das dann links oder rechts? Wenn Hilfsprogramme für immer neue Gruppen von Bedürftigen gefordert oder initiiert werden, aber wenig an der kalten Progression getan wird, die die kargen Lohnerhöhungen der Arbeitnehmer gleich wieder auffrisst, ist das dann links oder rechts? Wenn seit Jahrzehnten die Akademikerquote als Gradmesser von Bildungsgerechtigkeit genommen und damit implizit eine nichtakademische Ausbildung von vornherein als gescheitertes Leben klassifiziert wird, ist das dann links oder rechts? Wenn obendrein die Rückkehr der einfachen Arbeit nicht als Erfolg und als Weg aus der Arbeitslosigkeit gefeiert wird, sondern stigmatisiert wird, so als dürfte es diese einfache Arbeit gar nicht geben, ist das dann links oder rechts?
Wenn Kunstwerke übermalt oder abgehängt, wenn Bücher umgeschrieben und Straßennamen umbenannt, wenn bewusst in Sprache eingegriffen wird, um ein bestimmtes Denken zu verhindern, so als sei George Orwells „1984“ keine Warnung, sondern eine Anleitung, ist das dann links oder rechts? Wenn man eine verschwurbelte Kunstsprache konzipiert, die in keiner Werkshalle, in keinem Fußballstadion, an keiner Wursttheke und von keinem Liebespaar beim Kuscheln gesprochen wird, und dann diese Sprache über Verordnungen oder Medienmacht anderen aufzwängen will, ist das dann links oder rechts? Wenn man zwar die Notverordnungen Hindenburgs, Hitlers Ermächtigungsgesetz und die Notstandsgesetze von 1968 kritisiert, aber für die eigenen Themen und Anliegen nicht genug von Notstandserklärungen bekommen kann, ist das dann links oder rechts? Wenn man nicht der mündigen Entscheidung der Bürger innerhalb von Parteien oder bei Parlamentswahlen vertraut, sondern über identitäre Quoten, Reisverschlusslisten und andere Mittel die Gremien und Parlamente nach eigenem Gusto zusammensetzen will, ist das dann links oder rechts?
Man könnte diese Liste endlos fortsetzen: Wie ist es zu bewerten, wenn eine genuin rechte Idee wie das identitäre Konzept im links-grünen Milieu begeisterte Anhänger findet? Wie ist es zu bewerten, wenn sich nicht nur bei der AfD oder NPD, sondern in der Linken und Teilen von SPD und Gewerkschaften ein Antiglobalisierungs-Konzept breitgemacht hat, dass wir, wenn wir endlich unter uns wären, doch eine viel gerechtere Gesellschaft aufbauen könnten – ein Konzept, das man technisch korrekt als „nationalsozialistisch“ bezeichnen könnte? Wie ist es zu bewerten, dass sich Kritik an der parlamentarischen Vertretung und der Ruf „Wir sind das Volk“ keineswegs nur bei Pegida, sondern auch in weiten Teilen der Grünen findet – natürlich mit anderer Wortwahl, zum Beispiel Zivilgesellschaft?
An der Macht und trotzdem ewige Opposition?
Eine rechte Partei wie die AfD zu wählen, käme mir nicht im Traum in den Sinn. Aber wenn eine Partei 15, 20 oder 25 Prozent der Stimmen gewinnt, und zwar von Wählern, die vorher SPD, CDU, Linke oder Grüne gewählt haben, dann kann es nicht als Randphänomen abgetan und schon gar nicht mit Wählerbeschimpfung bekämpft werden, sondern dann sollte sich eine Elite fragen, was sie selbst damit zu tun hat.1
Wer die Macht hat, hat auch die Verantwortung – und das gilt eben nicht nur für die „Rechten“. Von den letzten 25 Jahren waren die Sozialdemokraten 21 Jahre an der Bundesregierung beteiligt. Die Grünen immerhin auch 9 Jahre. Wenn man in die Bundesländer schaut, dann wird das Bild noch ausgeglichener und bezieht auch „Die Linke“ ein.2 Links-grün ist kein Oppositionsprogramm für eine gerechtere Zukunft, sondern linke und grüne Regierungspolitik prägt das Land seit vielen Jahren – und darüber hinaus Universitäten, Behörden, Redaktionen von Zeitungen und Sendeanstalten. Der berühmte Marsch durch die Institutionen hat längst stattgefunden.
Es mag programmatischen Sinn besessen haben, wenn ein Willy Brandt 1969 in seiner ersten Regierungserklärung „Mehr Demokratie wagen“ proklamierte. Aber was soll die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit – das heißt die Behauptung, dass es sozial ungerecht zugehe – aus dem Munde einer Partei, die Jahrzehnte an der Regierung beteiligt war oder diese gar geführt hat? Was ist von Gewerkschaften oder Betriebsräten zu halten, die nach 50 Jahren betrieblicher und unternehmerischer Mitbestimmung plötzlich einen angeblichen „Gender Pay Gap“ von 20 Prozent entdecken und anprangern, obwohl jede Einstellung über ihren Tisch geht und sie jederzeit Berichte zur Vergütungssituation einfordern können? Selbst wenn es die behaupteten Missstände tatsächlich gäbe, wendete man sich zu ihrer Lösung kaum an diejenigen, die seit Jahrzehnten dafür Verantwortung und Mitverantwortung tragen.
Auch weltweit können die Linken nicht so tun, als lebten sie verfolgt und unterdrückt in Katakomben. Nein, seit 1917 hat sich eine mehr als hundertjährige Herrschaftsgeschichte abgespielt, die man besichtigen kann. Zum Beispiel seit 75 Jahren im bevölkerungsreichsten Land der Erde. Und schnell wird klar, dass es wenig Grund für Verniedlichungen gibt: Wenn linke Herrschaft in über hundert Jahren immer wieder zu Gewalt, Militarismus, Personenkult, Verarmung, Cliquenherrschaft, Umweltverschmutzung, Totalitarismus und Korruption geführt hat, dann muss man irgendwann aufhören, das schönzureden nach dem Udo-Lindenberg-Motto „Eigentlich bin ich ganz anderes, ich komm nur viel zu selten dazu“3. Egal ob aktuell in Deutschland oder historisch irgendwo auf der Welt: Es hat einen seltsamen Beigeschmack und entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn eine Szene, die ökonomisch, geistig und machtmäßig längst zum Establishment gehört und ihre Macht bei Bedarf auch bis zur Vernichtung von Individuen ausübt, immer noch Opposition, Underdog, Opfer, heilige Johanna, Robin Hood oder David gegen Goliath spielen will.
Mich irritiert auch die Anhänglichkeit mancher „Alt-Linken“ an bestimmte Symbolfiguren mit Massenmörder-Biografien und an bestimmte Altthemen – etwa Anhänglichkeit und Verharmlosungen in Bezug auf Russland, Kuba oder Venezuela, als wenn wir noch 1917 oder in sonstiger naiver revolutionärer Euphorie lebten und seitdem keine Lernerfahrungen erworben hätten. Unseren Eltern hätten wir Sätze wie „Ausschwitz war nicht der wahre Nationalsozialismus“ oder „Hitler hat die Autobahnen gebaut und die Arbeitslosigkeit beseitigt“ nicht durchgehen lassen. Dann sollten wir es auch an anderer Stelle nicht machen, wo es genauso fehl am Platze ist. Und unabhängig davon: Wie immer man über den Vietnamkrieg, Chile und Allende, Che Guevara, den Anschlag auf Rudi Dutschke, den Nato-Doppelbeschluss, die Treuhandanstalt, die Agenda 2010 urteilen mag – sie sind genauso wenig die Themen der arbeitenden Menschen wie Gendersternchen und Benin-Bronzen. Eine Linke, die irgendeinen Nutzen stiften will, muss zu den Problemen von heute etwas zu sagen haben.
Wenn ich im Folgenden bisweilen die Klassiker des Marxismus zitiere, dann tue ich das nicht in lutherischem „sola scriptura“-Glauben, dass sie die ewige Wahrheit verkörpern oder dass am Anfang eigentlich alles gut gedacht war, aber von den Nachfolgenden verfälscht wurde. Ich mag es vielmehr generell, in die Traditionen zu schauen, weil wir nur so unterscheiden können, was sich als falsch erwiesen hat und was uns nach wie vor Anregungen geben kann.
Braucht man noch eine Linke?
Der aufmerksame Leser wird längst bemerkt haben, dass ich mich auf den vergangenen Seiten mehr und mehr in einen inneren Widerspruch verwickelt habe und das im Folgenden auch weiter machen werde: Einerseits hinterfrage ich die Begriffe „links“ und „rechts“ und erkläre sie für untauglich. Andererseits zeige ich am laufenden Band, dass das vermeintlich Linke gar nicht links ist, was wiederum einen gesicherten Begriff von „links“ voraussetzt. Erst recht gilt dies, wenn ich mir Gedanken über das machen werde, was „links“ im positiven Sinne sein könnte. Ich begebe mich damit in die Falle, in welcher früher oder später jeder Dekonstruktivismus landet: Bein Dekonstruieren benötigt und verfestigt man das, was man vermeintlich zerlegen will. Ich kann diesen Widerspruch nicht auflösen. Zu meiner Entschuldigung kann ich wenig mehr anführen als die geschilderte biografische Anhänglichkeit. Aber vielleicht habe ich genau diese widersprüchliche Verbindung von Anhänglichkeit und Unbehagen mit vielen Menschen in Deutschland gemeinsam.
Das unspektakuläre Leben der arbeitenden Menschen in Deutschland
Die Ursprungsklientel der Linken, nämlich die Arbeiter oder überhaupt die abhängig Beschäftigten sind heute zum großen Teil ganz unspektakuläre Menschen mit einem ganz unspektakulären Leben. Sie arbeiten nicht 14 Stunden in Bergwerken und wohnen nicht in feuchten Kellerlöchern. Sie bekommen keine Arme von ungeschützten Maschinen abgerissen. Ihre Kinder leiden nicht an TBC und Rachitis. Sie wurden auch nicht ausgebombt, nicht gefoltert, nicht vertrieben.
Es sind Menschen, die sich satt essen und ordentlich kleiden können. Sie haben ein Auto oder sogar mehrere. Die Kinder haben schon mit sechzehn ein Moped oder i-Phone. Sie fliegen in den Urlaub in die Dominikanische Republik oder in die Türkei. Sie gehen in ihrem Ort zum Italiener. Sie haben eine ordentliche Mietwohnung oder ein Reihenhaus oder zumindest ist es nicht prinzipiell unerreichbar. Die Kinder gehen bis 18 Jahren zur Schule und 50 Prozent von ihnen studieren. Sie trennen Müll, aber sie freuen sich auch, auf dem Balkon oder im Garten ein Schweinesteak zu grillen. Sie haben TV-Anlagen, Smartphones und machen im örtlichen Fußballklub mit. Mit den Kindern fahren sie in Vergnügungsparks. Viele Menschen spenden bei Naturkatastrophen, sie machen bei der freiwilligen Feuerwehr mit, organisieren Stadtfeste oder backen fürs Pfarrfest.
Sich diese Menschen vorzustellen und irgendetwas für sie oder mit ihnen zu machen, ist weder spektakulär noch verschafft es irgendein Ansehen. Ich habe in meinem Leben mit hunderten dieser Leute gesprochen. Sie jammern nicht, leiden nicht an Gerechtigkeitslücken und haben keine großen Ansprüche. Diese Menschen wollen auch nicht von Politikern, Sozialarbeitern, Gleichstellungsbeauftragten, Awareness-Teams und Psychologen betreut und bemuttert werden. Sie wollen nur in ihrer Arbeit, in ihrem Beitrag für das Funktieren dieser Gesellschaft respektiert und nicht von oben herab betrachtet und gegängelt werden.4 Eine Linke, der diese Welt zu langweilig ist, verrät ihren Ursprung und verliert ihre gesellschaftliche Existenzberechtigung. Und links ist sie schon gar nicht mehr.
Aber, so könnte man fragen, wenn es keine 14-stündige Bergwerksarbeit für Kinder mehr gibt, wenn die Sozialsysteme im Großen und Ganzen funktionieren, braucht es dann überhaupt noch Sozialpolitik? Angesichts der „Sozialdemokratisierung aller Parteien“ (Joschka Fischer) – brauchen wir womöglich keine linke Partei mehr? Ich meine, wir brauchen sie sehr wohl. Natürlich leben wir nicht mehr in der schwerindustriellen Gesellschaft des 19. Jh. mit Bergwerken, Stahlöfen, Schmiedehämmern und Treibriemen, die Leben und Gesundheit der Arbeitenden gefährden – in einer modernen Fabrik kann man vom Boden essen. Aber trotzdem gibt es mehr arbeitende Menschen als jemals zuvor und das System Arbeit steht vor fundamentalen Herausforderungen, über die man streiten müsste. Das ist aber etwas ganz anderes, als sich um Gendertoiletten, um subventionierte feministische Pornos, die Umbenennung der Mohrenstraße, Gendersternchen, Negerkönige bei Pipi Langstrumpf, spezielle Frauenkurse im Ingenieurstudium, Umbenennung von Flüchtlingen in Geflüchtete zu kümmern.
Mich juckt es in den Fingern, jetzt etwas zu einzelnen Herausforderungen in der Arbeitswelt und in der Lebenswelt der Arbeitenden zu sagen. Ich möchte aber nicht so tun, als könnte ich hier im Vorübergehen ein linkes Aktionsprogramm aus dem Ärmel schütteln. Ich glaube, hier ist noch viel Hirnschmalz erforderlich. Ich würde mich freuen, wenn wir in Deutschland wieder eine Partei haben, die die Arbeit und die Arbeitenden in den Mittelpunkt stellte, egal ob ich dann mit jeder Analyse und jedem Programmpunkt übereinstimmte. Anhand zweier Begriffe möchte ich vielmehr die Grundlage dafür beschreiben: Freiheit und Arbeit.
Freiheit und Authentizität der Person
Auf den ersten Seiten der Bibel findet sich die Geschichte von Versuchung und Sündenfall, die schließlich zur Vertreibung aus dem Paradies führte. Die Botschaft dieser fast dreitausend Jahre alten Geschichte: Gott hat den Menschen als Wesen mit einem eigenen Willen geschaffen, mit der Fähigkeit und Freiheit, sich gegen den eigenen Schöpfer zu entscheiden. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) nannte das Paradies einen „Garten für Tiere“. Ich selbst habe in meinem Buch „Methode Mensch“ die Vertreibung aus dem Paradies in eine Flucht aus dem Paradies umgedeutet.5 In einer perfekten Welt, in der es nichts mehr zu wollen gibt, hat der Mensch nichts zu suchen. Er wird erst Mensch, nachdem er dieses Paradies verlässt und sein Schicksal selbst in die Hand nimmt – um den Preis, dass er unter Schmer-zen gebären und sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen muss. Die Möglich-keit und der Preis der Freiheit beschäftigten das Denken der Menschen seit Jahrtausenden. Und stets lauert die Frage, ob Freiheit überhaupt erstrebenswert ist: Die Visionen eines Paradieses, in dem man gar nichts mehr wollen muss, weil ja alles vollendet ist, verfolgen uns seitdem in immer neuen utopischen Verheißungen und dystopischen Realisierungen.
Angriffe auf die Freiheit
Aber es gibt auch Zweifel an der Freiheit. Diese Zweifel beziehen sich nicht nur auf bestimmte Einschränkungen der Freiheit. Die Einsicht, dass in einer Gemeinschaft nicht jeder ohne Rücksicht auf andere das tun kann, was ihm in den Sinn kommt, ist trivial und benötigt keine philosophische Tiefe. Der Streit bezieht sich vielmehr darauf, ob der Mensch überhaupt aus eigener Kraft etwas wollen kann, ob es überhaupt eine Freiheit des Willens gibt. Die Angriffe auf diese Annahme sind vielfältig. Ich spare mir die Geister, die nach alter Vorstellung in Besessene fahren und ausgetrieben werden müssen. Und ebenso übergehe ich die religiöse Vorstellung, dass sowieso alles vorherbestimmt ist und der Menschen nur ein Spielball im Ränkespiel der Götter.
Auffallend ist jedoch, dass es in den modernen Zweifeln am freien Willen gar nicht so viel anders zugeht – nur ohne Götter. Die modernen Zweifel beginnen, als man im 18. und spätestens im 19. Jahrhundert den Menschen eingemeinden will in die Konzepte mechanistischer Kausalität, die schon länger die Physik beherrschten, nachdem Galilei, Kepler, Newton und Descartes im 17. Jahrhundert die ersten mathematischen Modelle des Kosmos und der unbelebten Natur vorgelegt hatten.6 Um 1814 fasste der französische Mathematiker und Physiker Pierre-Simon Laplace (1749-1827) die Allmacht des kausalen Determinismus so zusammen: „Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als Folge eines früheren Zustandes ansehen und als Ursache des Zustandes, der danach kommt. Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen.“7 Es ist offensichtlich, dass in einem solchen Konzept der Welt kein Platz ist für einen gestalterischen Willen des Menschen, der der Kausalität ins Handwerk pfuschen könnte. 180 Jahre später gab der behavioristische Psychologe Burrhus Frederic Skinner (1904-1990) unumwunden zu: „Man kann keine Wissenschaft über einen Gegenstand betreiben, der willkürlich hin und her springt.“8
Für diejenigen, die den Menschen in die mechanistische Kausalität eingemeindet hatten, war das auch kein Problem, denn sie hatten längst den Menschen in eine Maschine verwandelt. Schon 1748 schrieb der französische Arzt und Schriftsteller Julien Offray de La Mettrie (1809-1851) in seinem Werk „Der Mensch eine Maschine“: „Von zwei Ärzten ist der bessere und vertrauenswürdigere meiner Ansicht nach immer derjenige, der in der Physik oder Mechanik des menschlichen Körpers besser bewandert ist; er lässt die Seele und alle Unruhe, die dieses Hirngespinst den Toren und Laien bereitet, sein und beschäftigt sich ernsthaft nur mit der reinen Naturwissenschaft.“9
Wenn La Mettrie obendrein beschreibt, wie in unterschiedlichen Verhältnissen unterschiedliche Menschen entstehen oder sich verändern, dann sind wir nicht mehr weit entfernt von zwei Thesen des 19. Jahrhunderts: Zum einen sind wir nahe bei der Marxschen These „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“ – der Kapitalist hat eben das Bewusstsein seiner Klasse.10 Wenn der Gang der Geschichte naturgesetzlich vorgezeichnet ist, gibt es letztlich keinen Raum, durch eigene Entscheidungen der Geschichte eine andere Richtung zu geben. Zum anderen sind wir nahe beim Rassismus, der ja keineswegs eine Erfindung der Nazis war, sondern eine quasi-wissenschaftliche Theorie des 19. Jahrhunderts, die – in moderner Terminologie – besagte, dass genetische Ausstattung („Blut“) und geografischer Raum („Boden“) eine untrennbare Einheit bilden und zwangsläufig zu bestimmten individuellen und kulturellen Eigenschaften, eben zu Identitäten führen.
Alles, was in den verschiedenen Wissenschaften folgte, waren im Prinzip Spielarten solcher Grundthesen. Der Darwinismus beschreibt, wie Lebewesen einschließlich des Menschen durch den Kampf ums Überleben in eine bestimmte Anpassung gepresst werden. Die Psychologie zeigt, wie im Unbewussten und in der Traumwelt sich Dinge vollziehen, die unserem Willen entzogen sind – vielleicht sogar, dass, wie viele meinen, dies das eigentliche Ich ist. Die Genetik glaubte, in der DNA den unverwechselbaren und unentrinnbaren Code des Lebens, der menschlichen Spezies und des Individuums entdeckt zu haben. Psychologie, Pädagogik und Sozialwissenschaften betonten die Rolle der Prägung durch Triebe, Erziehung und Umfeld – bereits 1924 hatte man 14.046 Instinkte identifiziert. Die ältere Hirnforschung hatte ein sehr mechanistisches Bild des Gehirns mit Zonen, die für bestimmte Dinge und Gefühle zuständig seien. Das berühmte Libet-Experiment von 1983 behauptete, nachgewiesen zu haben, dass die Gliedmaßen schon mit der Bewegung beginnen, bevor das Bewusstsein überhaupt die Entscheidung dazu getroffen hat. Und im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich ist der „Homo oeconomicus“ das Modell eines Menschen, der keinen eigenen Willen hat, der nichts gestaltet, sondern nur willenloser Vollstrecker vermeintlich rationaler Prinzipien ist. Die Kognitionspsychologie mit ihrer Besessenheit des „Bias“ lässt keinen Raum für den freien Willen. Die Propheten der künstlichen Intelligenz versprechen Rettung durch Algorithmen, die das irrtumsbelastete Wollen des Menschen ohnehin überflüssig machen können. Der Hirnforscher Gerald Hüther fragte einmal verzweifelt: Warum sind alle so versessen darauf, den freien Willen des Menschen zu widerlegen?
Die Verabschiedung des freien Willens führt dann in der weiteren Konsequenz zur Abschaffung offener Systeme, zur Abschaffung des Irrtums und damit auch zur Abschaffung der Zukunft. Die Offenheit der Zukunft wird als ein defizitärer Zustand empfunden. Ganz im Sinne der Laplaceschen These wird ein offenes System als ein Zustand verstanden, in welchem man einfach noch nicht alle Parameter kennt. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman macht viel Aufhebens um sogenannte Entscheidungen unter Unsicherheit, so als gäbe es bei Sicherheit überhaupt etwas zu entscheiden.
Aus der Politik wie aus Unternehmen hört man immer häufiger das Argument, eine bestimmte Option oder Entscheidung sei alternativlos. Predictive Analytics versprechen, nicht nur bei Werkzeugabnutzung in der Fabrik, sondern auch hinsichtlich menschlichen Verhaltens Voraussagen über die Zukunft machen und von den „descriptive“ über die „predictive“ hin zu den „prescriptive Analytics“ vordringen zu können. Im wissenschaftlichen Management eines Frederick Winslow Taylor (1856-1915) glaubte man, die beste Organisation sei gegeben, wenn die Arbeiter nur noch präzise definierte Bewegungen ausführten, keinen eigenen Willen mehr besäßen und auch nicht mehr miteinander kommunizierten. In manchen Arbeitskonzepten, in denen etwa Logistik-Mitarbeiter durch Augmented-Reality-Brillen geführt werden, lebt dieser Traum fort. Überhaupt weisen viele Tendenzen der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz in diese Richtung. Kürzlich äußerte Bill Gates in einem Interview: „Ebenso hat ein Unternehmen (…) kürzlich Pix gestartet, das es Ihnen ermöglicht, Fragen zu stellen („Welche Robert Redford-Filme würde ich mögen, und wo kann ich sie sehen?“) und dann Empfehlungen gibt, basierend auf dem, was Sie in der Vergangenheit mochten.“11 Mit anderen Worten: Ich frage einen Bot, was ich (!) will, und er antwortet mit dem, was ich in der Vergangenheit (!) gemacht habe.
Eine ganze Generation junger Menschen wächst mit einem Bildungssystem auf, in dem es immer fertige Fragen mit einer richtigen Antwort gibt – in der Schule, an der Universität, in der Führerscheinprüfung und in den allgegenwärtigen Quizshows im Fernsehen. Wenn in einem solchen Test drei Antworten angeboten werden, dann hat dort jemand, der es eigentlich besser weiß, böswillig zwei falsche Antworten erfunden, um uns hinters Licht zu führen.
Und rasch richtet sich dieselbe Mentalität auf Gegenwart und Zukunft: Wenn wir das Gute kennen, warum muss dann das Falsche überhaupt präsent sein und eine Bühne bekommen? Sollte man nicht die falschen Gedanken aus den Büchern, die falschen Bücher aus den Bibliotheken, die falschen Bilder aus den Museen, die falschen Worte aus der Sprache entfernen, damit falsche Gedanken gar nicht mehr gedacht werden können? Wenn wir heute wissen, dass auch die großen Menschen der Vergangenheit nach unseren Maßstäben nicht vollkommen waren, sollten wir dann nicht jede Ansteckungsgefahr ausschließen, indem wir ihre Namen von Straßenschildern und öffentlichen Gebäuden entfernen? Sollte man nicht überhaupt alle Risiken aus dem Leben entfernen? Wenn wir jemand mit viel Aufwand eine gute Ausbildung verschaffen und ihm dann viel Handlungsspielraum geben, dann mag das gut gemeint sein, aber wäre es nicht besser, wir leiteten ihn gleich mit unausweichlichen Prozessen an und bewahrten ihn vor Fehlern, bevor er sie überhaupt begehen kann? Wenn wir wissen, wie und warum Krankheiten entstehen, ist es dann nicht unsere Pflicht, Menschen auf alle Risiken aufmerksam zu machen oder sie gar mit Nachdruck und Zwang vor ihnen zu bewahren? Wenn wir schon vor der Geburt eines Menschen analysieren können, wie intelligent oder gesund er sein wird, sollten wir dann nicht dafür sorgen, dass überhaupt nur die intelligenten und gesunden Menschen geboren werden? Wenn wir die Faktoren kennen, die erfolgreiche Paarbeziehungen und besonders gelungene Kinder hervorbringen, sollten wir dann nicht dafür sorgen, dass sich nur noch die Menschen mit der größten Erfolgswahrscheinlichkeit paaren? Wenn Menschen einkaufen, soll man sie wirklich orientierungslos der unüberschaubaren Auswahl überlassen? Wäre es nicht besser, ihnen nur das anzubieten, was zu ihnen passt und was andere vergleichbare Konsumenten für gut befunden haben? Wenn wir wissen, warum manche Bücher, Kunstwerke oder Lieder erfolgreicher sind als andere, sollten dann nicht Bücher, Bilder und Lieder nur noch auf Basis dieser Merkmale geschaffen werden? Wenn für uns in der Vergangenheit bestimmte Nachrichten und Informationen von bestimmten Absendern wichtiger waren als andere, sollten wir dann in Zukunft nicht nur diese bewährten Typen zu sehen bekommen? Wenn erfolgreiche Menschen bestimmte Eigenschaften gemeinsam haben, sollte man nicht für jedwede Aufgaben nur Menschen auswählen, die über diese Eigenschaften verfügen? Wenn wir wissen, an welchen Mustern man Menschen erkennen kann, die Verbrechen begehen, wäre es dann nicht unsere Pflicht, diese Menschen aus dem Verkehr zu ziehen, bevor sie ihre Untaten überhaupt begehen können, statt sie erst zu bestrafen, wenn sie irreparablen Schaden angerichtet haben? Wenn eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft häufiger von einer anderen Gruppe überfallen wird oder wenn sie aus anderen Gründen Angst voreinander haben, wäre es dann nicht besser, wenn sich die beiden Gruppen gar nicht mehr begegneten? Wenn unsere Entscheidungen ohnehin voreingenommen sind, warum dann nicht die Verwaltung unserer Interessen an Systeme delegieren, die sie besser kennen als wir? Und was will man dagegen sagen? Befürwortet denn jemand von uns Krankheiten, falsche Kaufentscheidungen, Verbrechen, Unglück?
Die Rückkehr des freien Willens
Zwangsläufig und verführerisch sind alle diese ewigen Herleitungen und Verheißungen des Paradieses nur auf den ersten Blick. Sie lassen sich leicht hinterfragen, sie sind durchweg im Einzelnen wie im Ganzen widerlegt – und das ist in den meisten Fällen gar nicht so schwierig. Das mechanistische Weltbild hatte und hat bestimmt seine Verdienste, die wir im Alltag weiter nutzen können. Aber es gerät nicht nur in die Sackgasse, sondern in eine Geisterwelt, wenn es auch den Menschen erschöpfend erklären will, obwohl es selbst Menschenwerk ist. In der Philosophie hat Immanuel Kant (1724-1804) gezeigt, dass es keine Erkenntnis ohne ein beteiligtes Subjekt gibt. In der Physik ist spätestens seit der Quantentheorie der Beobachter anerkannter Teil des Systems – und damit auch Gestalter. Der Wissenschaftler untersucht nicht die Natur, sondern sein Labor.12 Wenn wirklich kausal und zwangsläufig eines aus dem anderen folgte, warum hat sich diese Kausalkette in ihren anorganischen und organischen Elementen einschließlich des Menschen nicht in einer Sekunde abgespult? Warum geht es manchmal schnell und manchmal so langsam? Was macht die Kausalität in den Pausen?
In der Biologie gesellte sich zur Genetik die Epigenetik.13 Das Gehirn wird heute als viel plastischer angesehen. Und die Biologie und die Neurowissenschaften arbeiten inzwischen viel mit autopoietischen Modellen, die die Wirkung des menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns auf den Menschen selbst betonen – bis hin zu vererbbaren genetischen Strukturen. Das Libet-Experiment wurde inzwischen sowohl methodisch als auch hinsichtlich seiner Deutung widerlegt.14 Der Neurowissenschaftler Joachim Bauer spricht von der „Rückkehr des freien Willens.“
Von der längsschnittlichen Betrachtungsweise der Geschichtswissenschaft aus gibt es ohnehin wenig Zweifel am freien Willen: Es gibt eine Entwicklung vom aufrechten Gang über den ersten Faustkeil, die Pyramiden, den Buchdruck, den luftgefüllten Autoreifen bis hin zur Fly-by-wire-Steuerung von Flugzeugen und so weiter. Wenn diese Entwicklung zwangsläufig, kausal und determiniert gewesen wäre, dann müsste ja tatsächlich, wie Pierre-Simon Laplace es beschrieb, der ganze Weg und alle Technologien schon in die erste Amöbe und die Umgebungseinflüsse hineinprogrammiert gewesen sein. Es müsste dort aber auch die Reihenfolge enthalten gewesen sein, einschließlich der Vorgabe, dass manchmal lange Zeit nichts passiert und dann ganz viel auf einmal. Oder dass eine Erfindung an einem Ort im Silicon Valley passiert und nicht in München. Es müsste dann auch in der allerersten Amöbe schon enthalten gewesen sein, dass es eines Tages das Silicon Valley und München geben wird. Ich beschreibe das so konkret, weil es eines zeigt: Nicht die Idee des freien Willens ist ein Phantasiekonzept, sondern gerade die Ablehnung des freien Willens führt in absurde esoterische Konstruktionen. Die Ironie der Geschichte: Wenn der Mensch mit seiner Fähigkeit zur Freiheit und mit seiner gestaltenden Arbeit in einer verdinglichten Weltsicht keinen Platz mehr hat, dann müssen alle Entwicklungen und Veränderungen in den Dingen selbst angelegt sein. Wer den menschlichen Geist leugnet, bekommt die Waldgeister zurück.
Die Kritik am Konzept des freien Willens setzt bei einer falschen Vorstellung an. Sie glaubt, freier Wille sei die Freiheit von allen Einflüssen. Und wenn man Einflüsse entdeckt, schließt man, dass der Wille nicht mehr frei sein könne. Freiheit ist aber nicht nur „Freiheit von etwas“, sondern vielmehr „Freiheit zu etwas“. „Wollen“, so betont der Philosoph und Anthropologe Arnold Gehlen (1904-1976), „ist nur ein anderes Wort für den Menschen im Menschen.“15
Mehr und mehr erweist sich auch die allgegenwärtige Bias-Diskussion als Sackgasse. Einerseits ist sie trivial: Ohne Vorurteile kann Denken überhaupt nicht stattfinden. Jeder wissenschaftliche Versuchsaufbau seit Galilei ist ein Vorurteil. Und selbstverständlich haben auch Tiere Vorurteile – zum Beispiel, dass sie in bestimmten Situationen weglaufen sollten, bevor sie die vorurteilsfreie Wahrheit in Form einer Schrotladung erfahren. Aber die Bias-Fokussierung ist gleichzeitig zutiefst falsch: Das, was den Menschen auszeichnet, ist nicht, dass er wie die gesamte belebte und unbelebte Natur von tausenden Umwelteinflüssen jeder Art geprägt und gesteuert wird, sondern dass er in der Lage ist, diese Prägungen, Instinkte, Einflüsse, Vorurteile zu hinterfragen und zu überwinden.16
Die Psychoanalyse Sigmund Freuds, die Erklärungsversuche des Behaviorismus und schließlich die gefeierte und mit Nobelpreisen bedachte Verhaltensökonomie wollen uns in immer neuen Spielarten die immer gleiche Botschaft eintrichtern: „Du bist gar nicht du. Du bist gar nicht der, der du zu sein glaubst. Was du als bewusst erlebst, ist gar nicht dein wirkliches Bewusstsein. Du willst gar nicht, was du zu wollen glaubst. Was du fühlst, sind gar nicht deine Gefühle. Was du für rational hältst, ist gar nicht rational. Was du für dein Selbst, für deinen freien Willen hältst, ist in Wirklichkeit von vielen Einflüssen fremdgesteuert.“
Es sind schale Aufgüsse der alten Homunculus-Theorie, nämlich der Annahme, dass es hinter dem, was wir als authentisches Empfinden, Fühlen, Denken und Entscheiden erleben, eine weitere unsichtbare Instanz gebe, welche der eigentliche Herr im Hause sei: Unterbewusstsein, Triebe, Instinkte, Prägungen, Klassenbewusstsein, Vorurteile, Motive, Gehirnströme und wie auch immer die gelehrten Namen der kleinen Männchen lauten, die im Geheimen unser Leben steuern sollen. Natürlich hat niemand je diese kleinen Männchen gesehen, genauso wenig wie die sogenannten Kräfte in der Physik.17 Natürlich wurde schon vor langem auf den unendlichen Regress hingewiesen, der aus der Frage folgt, woher denn die kleinen Männchen ihre Impulse beziehen. Werden auch sie wiederum von noch kleineren Männchen gesteuert? Natürlich entwertet sich die so entlarvend-aufklärerisch daherkommende Theorie auch dadurch, dass, je mehr sie zuträfe, sie selbst auch nur ein von Trieben, Prägungen, Vorurteilen oder Gehirnströmen fremdgesteuertes Konstrukt wäre und uns deshalb gar nicht interessieren müsste. Damit bleibt die Theorie die Antwort schuldig auf die Frage nach dem Referenzpunkt, nämlich wie denn ein Denken, Fühlen, Wollen und Entscheiden aussähe, das nicht von den verborgenen kleinen Männchen ferngesteuert wäre.18
Was alle Theorien dieser Art auszeichnet, ist der Angriff auf den Menschen als Person, auf den Menschen als authentischen Akteur. Und hinter der nächsten Ecke lauert schon das freundliche Angebot für den seiner inneren Unabhängigkeit und Authentizität beraubten Menschen: „Wir kennen dich besser als du selbst. Wir wissen besser, was du wirklich willst. Wir wissen besser, was gut für dich ist. Wir warnen und beschützen dich.“
Das Freiheitsgen in der linken Bewegung
Was tue ich hier? Verrenne ich mich nicht dahin, dass ich neoliberale Träume plötzlich mit dem Etikett „links“ versehe? Habe ich nicht gerade vorher das Marxsche „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“ in die Kette der Versuche eingeordnet, dem Menschen die Authentizität seines Willens abzusprechen? In der Tat sehe ich im deterministischen und heilsgeschichtlichen Konzept des Historischen Materialismus einen der Keime, die zu den totalitären Zügen sozialistischer Systeme führte: Es gibt ein Bewegungsgesetz der Geschichte, dem du dich nicht entziehen kannst und „bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“.
Aber es gibt gerade bei den Klassikern des Marxismus einen ganz anderen Zug und ich überlasse es den Experten des Marxismus-Leninismus, den Widerspruch auf einer höheren dialektischen Ebene miteinander zu versöhnen.19 Einer meiner Lieblingstexte überhaupt sind die „Thesen über Feuerbach“ des jungen Karl Marx (1818-1883). Hier äußert er sich zum Beispiel gegen die Prägungstheorie: „Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergisst, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss.“20 Überhaupt hat Marx kein Problem mit dem Subjekt, dem handelnden Individuum: „Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, dass der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv.“ Friedrich Engels (1820-1895) hält Darwins „Survival oft he fittest“ entgegen, dass nicht nur das Neue sich an das Bestehende anpassen muss, sondern dass das Neue auch die Bedingungen für das bisher Bestehende verändert.21 Überhaupt setzen die Ausführungen von Friedrich Engels zum „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ die Fähigkeit voraus, sich vom Bestehenden zu lösen und einen Weg zu gestalten, der nicht determiniert, sondern intendiert ist – in den Worten des marxistischen Anthropologen Vere Gordon Childe (1892-1957): „Man makes himself.“ Ich möchte auch daran erinnern, dass für Marx und Engels das Ende der Geschichte nicht wie für Ferdinand Lasalle (1825-1864) in der Vollendung des gerechten Staates bestand, sondern im Absterben des Staates. Oder auch dieser Satz von Friedrich Engels spricht für sich: „Welche Regierung würde es wagen, die politische Freiheit anzutasten, wenn jeder Bürger ein Gewehr und fünfzig scharfe Patronen zu Hause liegen hat?“22 Oder noch platter ausgedrückt: Wenn der Fabrikant Friedrich Engels sein Bewusstsein von der Prägung durch sein gesellschaftliches Sein befreien konnte, dann können wir es auch.
Um von dieser kleinen Hommage an die Kirchenväter des Sozialismus in aktuelle Diskussionen zu springen: Ich fand es nur auf den ersten Blick überraschend, dass es nicht die Liberalen der FDP, deren Job es eigentlich gewesen wäre, und auch nicht die Konservativen der CDU, sondern dass es „Altlinke“ waren, die gegen die woken Bevormundungsversuche und gegen den Trend zum betreuten Denken und Sprechen die Stimme erhoben haben – Leute wie Winfried Kretschmann, Wolfgang Thierse oder auch Robert Pfaller. Daneben, dass vieler dieser alten Kämpen eben keine Angst vor Shitstorms haben, lebt in ihnen offenbar noch etwas von dem antiautoritären Geist, der historisch durchaus zur DNA der Linken gehört.
Die Authentizität der Person
Wenn wir überzeugt sind, dass Affen nicht Affen und Sklaven nicht Sklaven bleiben müssen, wenn wir glauben, dass Menschen nicht in irgendwelchen angeblichen Identitäten gefangen sein müssen, wenn wir Fortschritt für möglich halten nicht im Sinne eines geschichtlichen Determinismus, sondern im Sinne einer Gestaltbarkeit der Welt und wenn wir nicht darauf warten wollen, dass der liebe Gott diesen Job für uns erledigt, dann müssen wir an die Fähigkeit des Menschen glauben, sich vom Bestehenden zu lösen und eigene Absichten zu entwickeln. Wenn wir aber diese Fähigkeit nicht gleich wieder aberkennen wollen, indem wir nur einer kleinen Minderheit (im Zweifel uns selbst) die Fähigkeit dazu bescheinigen und die anderen paternalistisch oder mütterlich mit dem Ergebnis beglücken, dann müssen wir grundsätzlich allen Menschen diese Fähigkeit zugestehen. Wir müssen aufhören, dem Wollen sofort dahinterliegende Motive (uns im Zweifel edle und den Andersdenkenden schlechte Motive) zu unterstellen. Wir müssen jedem anderen Menschen die Authentizität als Person und die Mündigkeit seines Denkens und Wollens zubilligen. Und das ist auch eine Anforderung an jeden selbst.23 Es gibt nichts Deprimierenderes als die Selbstentmündigung, die wie zum Beispiel im aktuellen Prinzessinnen-Feminismus das eigene Verhalten und Wollen durch Prägungen erklären oder entschuldigen will. Wir wollen etwas, weil wir es wollen – alle weiteren Erklärungen führen in einen sinnlosen ewigen Regress, wie schon der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) zeigte.24 Und deshalb tragen wir auch die Verantwortung für unser Handeln.
Eine Linke, die sich als Beschützer der Authentizität, Würde und Freiheit des Menschen versteht, sollte deshalb die Vorgänge um Digitalisierung und KI kritisch im Blick haben. Aber sie sollte sich dabei nicht darauf beschränken, vielleicht nicht einmal darauf konzentrieren, dass in diesem Feld Konzerne Geld verdienen wollen. Das ist gewiss der Fall, aber das will der Gemüsehändler an der Ecke auch – und es ist ein Teil genau der eben beschriebenen Mündigkeit, damit souverän und eigenverantwortlich umzugehen. Eine allwissende Schutzinstanz, die uns vor den bösen Verlockungen beschützt, kann nicht nur nicht funktionieren, sie sollte es auch nicht geben – das müssen wir schon selbst machen.25
Umso mehr müssen wir auf das achten, was wir als Individuen nur schwer selbst machen können. Viele digitale Geschäftsprozesse sind so angelegt, dass sie keinen Freiraum lassen, nicht den kalkulierten Regelbruch zulassen, der zum Funktionieren jeder Organisation gehört. Für noch problematischer halte ich den selbstreferentiellen Charakter sogenannter lernender Systeme. In mannigfaltiger Form folgen sie letztlich nur einer Regel: Was viel genommen wird, wird auch viel angeboten und deshalb wieder viel genommen… Der Erfolg der Vergangenheit wird in die Zukunft verlängert. So behalten die angeblich intelligenten Systeme immer recht und schaffen sich die Welt, die zu ihnen passt. Es ist die Abschaffung der Zukunft.
Wir sollten gewiss die Ketten all derjenigen sprengen, die durch äußere Gewalt nicht das äußern können, was sie denken. Aber gleichzeitig – und vor allem in Ländern wie Deutschland – sollten wir jedem noch so freundlich daherkommenden Versuch Widerstand leisten, der uns weismachen will, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn die Menschen nur die richtigen (das heißt im Zweifel meine) Gedanken hätten. Freiheit ist nicht, dass jeder ohne Rücksicht auf Verluste tun kann, was er will. Aber Konflikte dadurch beseitigen oder den anstrengenden Diskurs dadurch vermeiden zu wollen, dass das eigenständige Wollen, Denken und Sprechen nicht mehr stattfindet oder keine Bühne mehr erhält, das ist genauso schlimm, wie jemanden durch Ketten zum Schweigen zu bringen. Ja, in bestimmter Hinsicht ist es noch schlimmer: Das gewaltsame Unterdrücken von Andersdenkenden respektiert immerhin noch, dass der andere eine eigene Person mit einem eigenen Zugang zur Welt26 ist und ich seine Gedanken nicht beeinflussen kann. Ansätze wie korrekte Sprache wollen erreichen, dass der andere gar nicht mehr abweichend denken kann. Sie möchten dem anderen die Persönlichkeit nehmen.
Warnhinweise und Änderung von Worten in Kinderbüchern enthalten die Annahme, dass man selbst die Welt besser versteht als der andere und man ihn davor bewahren muss, durch abweichende Gedanken kontaminiert zu werden. Was die Biologie und offenbar auch der Gott des Schöpfungsberichtes nicht vorgesehen hat, soll auf politischem Wege erreicht werden, nämlich dass das Denken eines anderen sozusagen zu einer Außenstelle meines Denkens werden soll. Und wir sollten umso misstrauischer werden, je samtpfotiger und wohlmeinender diese Versuche daherkommen. Eine Münchner Ausstellung zur Zensur mit dem Titel „Verbotene Bücher“ hält es für wichtig, „zu unterscheiden zwischen realer ‚Zensur‘ und einer gefühlten, sogenannten ‚Cancel Culture‘. (…) Eine Sensibilisierung dafür, dass bestimmte Darstellungen unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr entsprechen, könnte ein Gewinn für alle sein.“27 Der Münchner Merkur lobt die Macher der Ausstellung: „Und das Duo arbeitet sehr geschickt den Unterschied zwischen Zensur und ‚Cancel Culture‘ heraus – nicht zuletzt, ‚um gegen das rechte Narrativ anzugehen, dass es bei uns Zensur gebe‘.“28
Nun, alle Zensur fand und findet statt, weil irgendetwas nicht den Werten der jeweiligen Gesellschaft entspricht – aus moralischen, religiösen oder politischen Gründen. In keiner Diktatur der Welt brauche ich eine Meinungsfreiheit für den Mainstream – wer denkt wie das System, hat auch in der ärgsten Diktatur jede Freiheit. Meinungsfreiheit brauche ich per Definition nur für die, die anders denken. Dass man sich selbst und seine Absichten für gut hält, ändert daran gar nichts, im Gegenteil: Karl Popper hatte Recht mit der These, dass die Gefahr für die offene Gesellschaft nicht von den Bösen, sondern von den Guten kommt.
Kürzlich erschien im SPIEGEL ein Interview mit Salman Rushdie.29 Darin macht sich der Redakteur die Haltung zu eigen, die auch in der genannten Ausstellung zum Ausdruck kommt: "Es ist aber doch ein wesentlicher Unterschied zwischen einer rigiden Zensur durch die Herrschenden und zivilgesellschaftlichem Engagement dafür, einen literarischen Kanon an neue gesellschaftliche Gegebenheiten und Sensibilitäten anzupassen. Warum setzen Sie das gleich?“ Rushdie antwortet: "Weil die Welt ein rauer Ort ist. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Sie können die Menschen nicht vor Verletzungen schützen. Sie mögen ein Buch nicht? Lesen Sie es nicht! Sie mögen ein Buch nicht? Schreiben Sie ein Buch! (…) Ich sage ihnen: Es bedeutet rein gar nichts, für die freie Rede von Leuten einzutreten, mit denen Sie einverstanden sind. Die Verteidigung der Meinungsfreiheit beginnt dort, wo sie sich für Leute einsetzt, mit denen Sie nicht einer Meinung sind. Und das ist nur der Anfang. Der eigentliche Kampf wird dort geführt, wo Sie Leute verteidigen, deren Meinung Sie sogar verabscheuen.“ Ich habe keine Ahnung, ob Salman Rushdie sich als links oder rechts empfindet. Aber welchen Sinn haben alle Bemühungen um den Menschen und um irgendeine Form von Gerechtigkeit, wenn wir dem Menschen nicht seine Authentizität und seine Würde zugestehen?
Arbeit macht Menschen zu Menschen
Die Arbeiterbewegung hatte ihren Ursprung nicht im historischen Materialismus, sondern in den realen Arbeitsbedingungen. Wir kennen die unmenschlichen Zustände, die Entwurzelung und Wohnbedingungen, die sich aus der Land-Stadt-Bewegung ergaben, die Arbeit von Frauen und Kindern in Bergwerken, die Arbeitszeiten. Wir kennen das Untergangsgejammer der Industrieverbände schon bei der Begrenzung der Arbeitszeit auf 12 Stunden.30 Ja, die meisten Verbesserungen der Arbeitsbedingungen wurden nicht freiwillig geschenkt, sondern wurden erkämpft. Aber jetzt sind sie eben da. Die Arbeitszeiten begrenzen sich auf acht Stunden an fünf Wochentagen. Zwei Drittel eines Tages stehen also zur persönlichen Verfügung. Hinzu kommen Wochenenden, Feiertage und dreißig Tage Urlaub – in manchen Unternehmen und Branchen noch weitere Elemente der Arbeitszeitflexibilität. Natürlich wurde die Zahl von 40 Wochenarbeitsstunden nicht vom lieben Gott festgelegt, aber was wäre der Treiber, was das Ziel weiterer Arbeitszeitverkürzungen? Wäre das Ziel der Glückseligkeit, sozusagen das Ende der Geschichte bei 32 Stunden erreicht? Oder bei 27,5 Stunden? Oder dann, wenn Arbeiter nicht mehr arbeiteten?
Das Mehrprodukt als Grundlage von allem
Ich glaube, man sollte noch einmal an ein paar ganz einfache Grundaussagen der Marxschen Mehrwertlehre erinnern. Marx hatte nicht viel übrig für den utopischen Sozialismus. Mit irgendwelchen Weber-Aufständen und anderen Maschinenstürmern hielt er sich nicht lange auf. Er glaubte auch nicht, dass Gewinne durch Übervorteilung entstehen – da jeder mal Käufer und Verkäufer ist, muss man davon ausgehen, dass im Großen und Ganzen Äquivalente ausgetauscht werden. Auch in der Diskussion um gerechte Löhne war er deshalb leidenschaftslos. In den Augen von Karl Marx arbeiten auch weder Sklaven noch Leibeigene kostenlos, sondern selbstverständlich bekommen sie mindestens das, was für den Erhalt der Arbeitskraft und die Reproduktion erforderlich ist.31 Nach Marx gehen Sklaverei und Feudalismus und eines Tages der Kapitalismus nicht wegen des Schreis nach sozialer Gerechtigkeit zugrunde, sondern wegen ihrer Unproduktivität. Marx und Engels waren stolz darauf, den Sozialismus aus der Mitleidsecke geholt und ihm ein rational-ökonomisches Fundament gegeben zu haben.
Umso mehr ist der Wertschöpfungscharakter von Arbeit für Marx der Kern von allem. Der Lohnarbeiter verkauft seine Arbeitskraft zum Marktpreis wie jede andere Ware. Die Ware Arbeitskraft hat jedoch eine bestimmte, sozusagen magische Eigenschaft. Sie kann mehr produzieren, als sie zu ihrer eigenen Wiederherstellung benötigt. Oder besser gesagt: der Wert der Erzeugung und der Preis der Wiederherstellung sind einfach zwei voneinander unabhängige Größen. Ein Bäcker, der ein Brot am Tag zum Leben braucht, kann pro Tag zehn Brote herstellen. Natürlich braucht ein Bäcker nicht nur Brot zum Überleben. Natürlich unterliegen sowohl die Höhe des Mehrproduktes als auch das was, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Gesellschaft als notwendig definiert wird, geschichtlichen Veränderungen. Und natürlich ist in einer arbeitsteiligen Wirtschaft und Gesellschaft alles unendlich komplizierter. Aber im Prinzip ist es immer noch so einfach – und das gilt für eine steinzeitliche ebenso wie für eine moderne Gesellschaft, für eine agrarische ebenso wie für eine industrielle, für eine kapitalistische ebenso wie für eine sozialistische, für eine privatwirtschaftliche ebenso wie für eine staatswirtschaftliche.
Tiere haben kein Interesse an einem Mehrprodukt, sie suchen, jagen und bevorraten nur das, was sie auch fressen oder für ihr Nest brauchen. Für Menschen jedoch ist das Mehrprodukt die Grundlage von allem. Ohne Mehrprodukt bleibt die Freiheit ein leerer Traum. Ohne Mehrprodukt haben die Menschen keinen Gestaltungsraum, in welchem sie Neues schaffen können. Neues schaffe ich als Individuum oder als Gemeinschaft nur, wenn ich einen Teil der Zeit und Kraft nicht auf das nackte Überleben und Fortpflanzen richte, sondern für die Entwicklung von etwas Neuem verwende, das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht sofort Ertrag bringt. Das muss sich eine Gemeinschaft erst einmal leisten können. Am Anfang der Menschheitsgeschichte war das Mehrprodukt winzig, heute ist es gewaltig, aber es ist niemals unendlich. Und schon gar nicht ist es beliebig und es ist auch nicht einfach da. Das Mehrprodukt hat eine konkrete Grundlage – nämlich wertschöpfende Arbeit.
Kürzlich fand ich dieses Zitat in einer Zeitung: „Normalerweise besteht der Wert von Unternehmen aus Immobilien, Maschinen und Patenten.“32 Die Menschen, die die Patente entwickelt haben oder die die Maschinen benutzen sollen, haben in dieser typischen Anschauung offenbar mit dem Wert eines Unternehmens nichts zu tun. In der Lehre der Produktionsfaktoren stehen Boden, Kapital und Arbeit nebeneinander, als hätten sie gleiches Recht. Schon Karl Marx spottete über die Produktionsfaktoren: „Sie verhalten sich gegenseitig etwa wie Notariatsgebühren, rote Rüben und Musik."33 Er verwies unter anderem darauf, dass Kapital nichts anderes als kristallisierte Arbeit ist.
Im Prinzip ist es eine geniale menschliche Erfindung, dass man für ein großes Zukunftsvorhaben nicht Millionen Kartoffeln ansammeln und vor dem Verschimmeln verfüttern muss, sondern dass es eine zweckneutrale, mobile, unverfallbare, teilbare und jederzeit abrufbare Aufbewahrungsform des Mehrprodukts gibt – nämlich Kapital. Auch eine sozialistische Wirtschaft braucht in irgendeiner Form ein solches Instrument. Aber genauso wenig wie Boden, Immobilien, Maschinen hat Kapital einen Wert, solange nicht die Aussicht besteht, dass Menschen eines Tages etwas damit machen. Und auch der Zinsertrag entsteht nicht im Safe oder durch Knappheit des Kapitals, sondern er ist einfach ein Anteil am Mehrprodukt.
Banken und auch die Börse können im Prozess der Erzeugung eines Mehrproduktes und der Kapitalverwertung einen absolut sinnvollen Platz haben, indem sie die Mittel für den Aufbau eines Neuen zur Verfügung stellen, das zunächst noch keine Erträge abwirft. Und dafür sollen sie gerne eine Prämie bekommen. Auch eine sozialistische Wirtschaft muss dafür irgendein Instrument bereitstellen. Aber dann müssen Banken auch genau dies leisten. Ein ehemaliger Sparkassendirektor, der beim Aufbau Ost viele Projekte finanziert hatte, beklagte mir gegenüber, dass das heute durch die Regulierungen und durch das geänderte Selbstverständnis der Banken nicht mehr in der damaligen Weise möglich wäre. Die Banken wären nicht mehr bereit, Risiken zu übernehmen und so vergäben sie letztlich nur Geld an die, die keines brauchen. Und der gewiss nicht „linke“ Banker fragte sich, welche gesellschaftliche Existenzberechtigung Banken haben, die Kreditzinsen als Risikoprämie erheben, aber gleichzeitig auf keinen Fall Risiken tragen wollen.
Eigentlich sind das alles ökonomische Binsenweisheiten, denen auch viele Unternehmer und Manager zustimmen würden. Und ebenso gehören solche Einsichten zum kleinen Einmaleins der marxistischen Ökonomie. Umso erstaunlicher ist, dass sie der Linken irgendwann abhandengekommen sind und durch allgemeine Fürsorge für Opfer abgelöst wurden.
Was ist wirkliche Arbeit?
Es gibt eine alte Darstellung der Arbeiterbewegung, die die Pyramide der kapitalistischen Ausbeutung zeigen soll. Alles ruht auf den Arbeitern, deren Arbeit alle ernährt. Dann kommen von unten nach oben die Bourgeoisie („Wir fressen für Euch“), das Militär („Wir schießen auf Euch“), die Oberpriester („Wir beten für Euch“ oder in der englischen Urversion: „We fool you“), die Staatmänner („Wir regieren Euch“) und schließlich das Kapital („Wir herrschen über euch“). Man muss diese Strukturierung nicht mögen. Aber für unseren Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass alle Ebenen der Pyramide auf dem Fundament wertschöpfender Arbeit ruhen.
Mir scheint, dass diese Rolle im Bewusstsein der neuen Linken verwässert wurde.34 Plötzlich finden wir an der Stelle der Arbeiter den Hartz 4-Empfänger, alle Arbeitslosen oder Unterprivilegierten oder die einschlägigen benachteiligten Minderheiten. Nun mag das Schicksal von Arbeitslosen hart sein, aber die Gesellschaft ruht nicht auf ihren Schultern – im Gegenteil, sie werden von der wertschöpfenden Arbeit der Erwerbstätigen aufgefangen. Dass man „unterprivilegiert“ ist, befördert auch andere nicht in die Basis der Pyramide. Frauen gibt es in allen Ebenen der Pyramide. Schwule und Transpersonen mögen unter Diskriminierung leiden oder gelitten haben, aber es gibt sie ebenfalls in allen Gesellschaftsschichten und die Gesellschaft ruht nicht auf den Schultern ihrer Homosexualität. In abgewandelter Form gilt es etwa für Schwarze: Selbst wenn in der untersten Kategorie überproportional Schwarze vertreten sein sollten, dann ruht die Gesellschaft nicht auf ihrem Schwarzsein, sondern auf ihrer wertschöpfenden Arbeit. Oder Flüchtlinge: Auch wenn man noch so sehr davon überzeugt ist, dass Flüchtlinge aufgenommen werden sollten, steht die Gesellschaft nicht auf den Schultern von Flüchtlingen, sondern ein Flüchtling steht per Definition zunächst auf den Schultern der Gesellschaft, die ihm Schutz gewährt. Die in der Pyramide abgebildete Rolle der Arbeiter, die mit ihrer wertschöpfenden Arbeit alle ernähren, ist nicht beliebig durch Opfergruppen ersetzbar. Das Schicksal dieser Opfergruppen mag nach Lösungen schreien, aber deshalb ruht die Gesellschaft noch lange nicht auf den Schultern von Opfern. Eigentlich ist die Botschaft der Pyramide genau umgekehrt: Das alte Bild sagt, dass Arbeiter keine Opfer, sondern Täter sind. Und sie haben die Macht, die auf ihren Schultern Ruhenden abzuschütteln, so wie Majestix bisweilen von seinen Schildträgern abgeworfen wurde.
In Unternehmen gibt es traditionellerweise die Unterscheidung zwischen „direkten“ und „indirekten“ Mitarbeitern oder Bereichen. Während die direkten Bereiche die eigentliche Produktion unmittelbar betreffen, handelt es sich bei den indirekten Bereichen um unterstützende Funktionsabläufe, wie zum Beispiel die Personalabteilung oder das Controlling. In Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen spricht man von produktiven und unproduktiven Stunden. Eigentlich habe ich diese Unterscheidungen nie besonders gemocht, weil sie in allzu platter Weise die Mechanismen eines arbeitsteiligen Zusammenwirkens missachten. Dennoch kann man etwas aus der Unterscheidung von „direkt“ und „indirekt“ lernen: Eine Gesellschaft, egal ob kapitalistisch oder kommunistisch, kann auf der „indirekten“ Seite nur das ausgeben, was sie auf der „direkten“ erwirtschaftet hat. Das Mehrprodukt ist nicht einfach Profit, auch wenn ein Unternehmensgewinn ein Gradmesser für eine gesunde Wertschöpfungsstruktur sein kann. Das Mehrprodukt ist in einer Volkswirtschaft die Basis für alles – für Wohlstand und Konsum, für Zukunftsinvestitionen, für die Leistungen des Staates. Bei aller Wechselwirkung einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung sollten wir nicht ganz vergessen, dass Bäcker und Klempner ohne Gleichstellungsbeauftragte auskommen können, aber Gleichstellungsbeauftragte nicht ohne Bäcker und Klempner.
Wir brauchen aber gar nicht den Blaumann gegen den Weißkragen ausspielen, sondern wir sollten den Spieß umdrehen. Gewiss können in einer arbeitsteiligen Wirtschaft mit komplexen Mischungen aus technischen Produkten und Dienstleistungen und mit komplexen Märkten und Zulieferketten auch diejenigen einen hohen Mehrwert haben, die das ganze Gewusel zusammenhalten. Aber diese „Indirekten“ müssen ihre Management- und Verwaltungstätigkeit auch tatsächlich auf das gemeinsame Funktionieren und damit letztlich auf das Mehrprodukt ausrichten. Gewiss kann eine funktionierende staatliche Verwaltung und Infrastruktur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sein, aber dann muss sie diesem Anspruch auch gerecht werden. Statt misstrauischer Kontrolleur, Verhinderer und Besserwisser muss sie zunächst einmal „Enabler“ sein, wie es neudeutsch heißt.
Arbeit muss auf reale Wirkung zielen
„Flexibel von zuhause oder der ganzen Welt als virtuelle Assistenz arbeiten.“ Solche Angebote bezeichnen unter der Überschrift „New Work“ Arbeitsformen, bei denen sich die Menschen gar nicht mehr begegnen, sondern auf unterschiedliche virtuelle Weisen zusammenarbeiten – von zuhause oder jedem beliebigen Ort, möglichst auch zeitlich flexibel. Als Aufmacher in Anzeigen oder Zeitungsartikeln zu New Work und zum virtuellen Arbeiten sieht man häufig Menschen, die mit ihren Laptops in Parks, an Seen oder gar im Liegestuhl am Strand sitzen. Die bisherigen Büroformen einschließlich der gerade noch gefeierten „Coworking Spaces“ wurden plötzlich zu Relikten einer altmodischen „Präsenzkultur“. Deutsche Manager werden aufgefordert, endlich aufzuwachen und solche Arbeitsplätze großflächig anzubieten. Und auch dort, wo es noch physische Arbeitsplätze gibt, sollen diese zu Wohlfühl-Oasen umgewandelt werden: „Nun gehört es zu den wegweisenden Phänomenen der Gegenwart, dass immer größere Teile der Arbeitswelt tatsächlich zu Orten werden, die Träume erfüllen. (…) Dabei geht es nicht um einen Trend, es geht um die revolutionierte Arbeitsdefinition der für den Markt relevantesten Generation.“35 In einem aktuellen Buch zu virtuellen Arbeitsformen heißt es: „Arbeitgeber*innen, die ihre Belegschaft zur Präsenz im Firmenbüro zwingen, bringen gern das Gerechtigkeitsargument. Sie wittern Unfrieden: Wenn die Kolleg*innen in der Produktion jeden Tag zum Schichtdienst antanzen müssen, könnten sie neidisch werden auf die, die sich zu Hause im Bademantel den ersten Kaffee gönnen, während sie selbst schon im Frühbus sitzen. Ja, das könnten sie. Aber was bringt es der Schichtarbeiterin, wenn nebenan in der Verwaltung jemand schlecht gelaunt am Schreibtisch sitzt, der genauso gut zu Hause sein könnte? Wertet das ihren Job auf? Verbessert es ihre Position?“36
Offenbar scheint keine Rolle mehr zu spielen, dass es bei Arbeit um reale Wirkung in der Welt geht und dass man das nicht nur um das eigene momentane Wohlbefinden herum bauen kann. Offenbar fehlt auch das Bewusstsein dafür, dass eine Arbeit, bei der Planung und Ausführung vollkommen voneinander getrennt sind, auf Dauer nicht funktionieren kann. Offenbar fehlt das geringste Bewusstsein dafür, dass es dem Erz in tausend Meter Tiefe, der brennenden Scheune oder dem defekten Rechenzentrum ziemlich gleichgültig ist, ob wir gerade in passender Stimmung sind. Und zum anderen funktioniert das Lebens- und Wohlfühlmodell der angeblichen „Generation New Work“ nur, wenn die große Mehrheit der Menschen nicht so arbeitet. Oder werden die Bäckereien, Autowerkstätten, Schreinereien, Computerhersteller oder Feuerwehren ihren Mitarbeitern jetzt nur noch Wohlfühl-Oasen bieten statt Backstuben, Hebebühnen, Kreissägen, Montageplätzen und Drehleitern? Oder wie funktionierte das Arbeiten mit Laptop am Strand, wenn auch die Hersteller von Liegestühlen und Laptops am Strand säßen – oder gar die Mitarbeiter der Strandbar? Wie weit muss man sich von der Realität menschlichen Wirkens abgekoppelt haben, um eine so winzige, fast parasitäre Zuckerguss-Welt für ein allgemeines Arbeitsmodell der Zukunft zu halten?
Wir sollten deshalb versuchen, Arbeit noch etwas genauer zu definieren. Manche sprechen im Zusammenhang mit virtuellen Welten von „Realität plus“. Natürlich ist auch ein Gedanke eine Realität – das ist trivial. Aber der Gedanke steht nicht für die Tat. Es ist bestimmt unendlich nützlich, wenn man den Bau eines Tunnels vorher simulieren kann. Aber die Simulation eines Tunnels ist kein Tunnel. So wirklichkeitsnah ein Computer einen Vorgang simulieren kann und so sehr er uns damit zu täuschen vermag: Der Computer kann nicht auch noch seine eigene Stromversorgung simulieren.
Wenn Sinn und Inhalt von Arbeit darin bestehen, in der Welt eine Wirkung zu erzielen, dann könnte man die Beweislast umdrehen: Eine Arbeit, die vollständig unabhängig von Raum und Zeit durchgeführt werden könnte, wäre eine Arbeit, die keinen direkten Bezug zur materiellen Welt besäße. Es wäre eine Arbeit, die niemals auf den Widerstand der Materie träfe, die niemals spürte, dass bestimmte Dinge wie Aussaat und Ernte, wie die Bearbeitung eines glühenden Eisens, wie der Transport und Einsatz von Beton oder wie die Erzeugung von Energie nicht zu einem beliebigen Zeitpunkt, nicht mit beliebiger Dauer oder beliebigen Unterbrechungen durchgeführt werden können. Es wäre eine Arbeit, die niemals in die direkte Interaktion mit anderen Menschen ginge – denn dazu müsste man sich selbst beim virtuellen „Zoomen“ auf einen gemeinsamen Zeitpunkt einigen. Es wäre eine Arbeit, die niemals gelernt hätte, in unvorhergesehenen Situationen eine erfahrungsbasierte Bauchentscheidung zu treffen. Es wäre eine Arbeit, die niemals erlebt, gefühlt, gerochen oder angefasst hätte, was sie bewirkt hat. Es wäre eine Arbeit, die keine Geheimnisse beinhaltet. Besäße eine solche Arbeit überhaupt eine Anbindung an die Welt? Gäbe es bei ihr einen Unterschied zwischen vorher und nachher? Wäre sie in der Lage, Wirkung zu erzeugen? Wäre sie also überhaupt Arbeit im Sinne der obigen Definition? Wäre sie nicht ein bevorzugter Kandidat, durch Automatisierung oder Künstliche Intelligenz ersetzt zu werden? Oder andersherum gefragt: Wäre es überhaupt wünschenswert, dass Menschen, die diese Verbindung zur Welt nicht mehr besitzen, durch irgendeinen Mechanismus bevollmächtigt wären, Wirkung in der Welt zu erzeugen?37
Sinnhaftigkeit von Arbeit
Muss eine Arbeit ihre Sinnhaftigkeit für die Gesellschaft begründen? Wenn man in den engen wirtschaftlichen Bereich schaut, dann erledigt sich die Frage in einer Marktwirtschaft von selbst. Wer auf dem Markt einen Käufer findet, der von seinem Mehrprodukt etwas für eine Leistung abgibt, dessen Arbeit hat offenbar einen Purpose und einen wahrgenommenen Nutzen. Auf diesem Markt müssen sich nicht nur Einzelpersonen, sondern vor allem auch Unternehmen bewähren. Und diese Unternehmen überprüfen ständig, ob eine Funktion für ihren Erfolg auf dem Markt erforderlich oder nützlich ist. Dabei machen Unternehmen Fehler und werden dafür vom Markt bestraft – je nachdem bis zum Verschwinden vom Markt.
Für den nachhaltigen Erfolg muss man manchmal um die Ecke denken. Ein Unternehmen, dass sich „Profit, Profit, Profit“ auf die Fahnen schreibt, erwirtschaftet damit keineswegs mehr Profit – oft genug das Gegenteil. Eine ähnliche Erfahrung der Frühindustrialisierung war: Wenn man die Ausbeutung der Arbeitskraft unter Einschluss von Frauen und Kindern auf die kurzfristig maximale Wertschöpfung ausrichtet, bis Frauen nicht mehr Mütter sein können, dann wird ganz simpel und biologisch die Reproduktion der Arbeitskraft gefährdet – und das System fährt an die Wand. Teilweise war es das Militär, das über die gesundheitlich unbrauchbaren Rekruten aus der Arbeiterschaft klagte. Deshalb „leisteten“ sich die Industriestaaten seit Mitte des 19. Jahrhunderts Gesetze, die die Arbeitszeit begrenzten, Frauen und Kinder von manchen Tätigkeiten fernhielten, und sie leisteten sich staatliche Fabrikinspektoren, die das kontrollierten.
Relativ leicht kann man begründen, dass ein Teil des Mehrprodukts für Infrastruktur, Sicherheit im öffentlichen Raum, Rechtssicherheit, Ausbildung aufgewendet wird – dabei ist zunächst sogar gleichgültig, ob das zwangsweise über Steuern finanziert wird oder ob Vermögende es durch Spenden ermöglichen. Es kommt in jedem Fall aus dem Überschuss des Mehrproduktes. Und dann kommt man irgendwann in Bereiche, die durch eine simple kurzfristigökonomische Nutzenbetrachtung schwerer zu begründen sind. Das ist nichts, was irgendjemand festlegen kann, sondern es muss in einer Gesellschaft ständig neu ausgehandelt werden. Dabei ist es keineswegs so, dass bei einer solchen Betrachtung automatisch Theater geschlossen und nur noch Straßen und Panzer gebaut würden. Nein, alles spricht dafür, dass die frühen Menschen die ersten Überschüsse verwandten, um sich Priester zu halten, magische Bilder in Höhlen zu malen und Musikinstrumente herzustellen – in „klotzmaterialistischer“ Betrachtung ganz unproduktive Dinge. Und auch die Züchtung der ersten Rinder vor 10.000 Jahren setzte voraus, dass die Gemeinschaft über mehrere Generationen einen Teil ihres kargen Mehrproduktes abzweigte, um ein paar Stammesgenossen durchzufüttern, die, statt zu jagen, mit Auerochsen herumexperimentierten, ohne dass irgendjemand wissen konnte, wohin das führte und ob es überhaupt irgendwohin führte.38 Eine Gesellschaft, die überleben und sich weiterentwickeln will, braucht solche „Spiele“, aber man sollte nie vergessen, dass auch in der reichsten Gesellschaft der Spielraum begrenzt ist.
Erst recht sollte nicht akzeptiert werden, wenn eine Gruppe sich über die wertschöpfende Mehrheit der Bevölkerung erhebt, diese zu moralischen Mängelwesen erklärt, aber gleichzeitig von diesen Mängelwesen alimentiert werden will, als wäre dieses ungebetene Wächteramt eine Leistung für die Gemeinschaft. Es ist das, was ich an der Purpose- und New-Work-Ideologie nicht nur als hohles Gerede empfinde, sondern auch als unanständig: Wenn Menschen, die sehr auf der „indirekten“ Seite angesiedelt sind, plötzlich propagieren und selbst glauben, dass ihre Tätigkeit einen höheren Sinn und damit einen höheren Wert hat als die der „Direkten“, die ja „nur“ Schrauben herstellen, dann läuft etwas sehr falsch. Erst recht, wenn zu diesem Bild gehört, dass die leider nach wie vor unverzichtbaren „Direkten“ in einer mit Mitleid geschmückten Unsichtbarkeit versinken sollen. Ich weigere mich, das in irgendeiner Weise für links, sozial oder fortschrittlich zu halten.
Sollte es eine Arbeitspflicht geben?
Folgt aus diesen Gedanken so etwas wie eine Arbeitspflicht? Es ist klar, dass wir bei der Beantwortung dieser Frage nicht über Kinder, Menschen in der Ausbildung, Mütter, Alte, Kranke, unverschuldet in Arbeitslosigkeit Geratene und ähnliche Gruppen reden. Selbstverständlich kann auch kreative Muße eine fruchtbare Rolle spielen. Aber für die große Masse der Bevölkerung, die ohne Weiteres in der Lage ist, ihren Beitrag zu leisten, kann man den Gedanken der Arbeitspflicht nicht einfach wegwischen oder mit Zwangsarbeit gleichsetzen. Weil wertschöpfende Arbeit die Grundlage für alles Weitere ist, kann nicht ein einzelner entscheiden, ob er dazu beiträgt oder nicht – es sei denn, er würde nicht essen und auch sonst keine Leistungen der Gemeinschaft in Anspruch nehmen. Ich befürworte gewiss kein System der Ausbildungsplanung oder Arbeitszuteilung, aber man wird auch nicht alles um das persönliche Wohlbefinden herumbauen können. Das kann übrigens ganz schnell kommen: Wenn im Arbeits- und Fachkräftemangel Leistungsnetzwerke in einer Weise zerreißen, dass es das Funktionieren der Gesellschaft gefährdet, muss die Gesellschaft bei Strafe des Untergangs reagieren.
„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Als Urheber dieses Satzes hatte ich Lenin in Erinnerung. Das war nicht ganz falsch, denn das Motto wurde in Zusammenhang mit der Arbeitspflicht in der frühen Sowjetunion verwendet. Tatsächlich jedoch ist der Spruch fast zweitausend Jahre älter und stammt vom Apostel Paulus.39 Interessant ist der Kontext, in welchem ihn Paulus gebraucht: Nicht nur votiert er gegen das griechisch-römische Verständnis, dass ein freier Bürger nicht arbeitet. Vielmehr versteht der Apostel Paulus seine eigene Missionstätigkeit nicht als Arbeit, sondern er legt Wert darauf, dass er sich seinen Lebensunterhalt selbst verdient und seinen Gemeinden nicht zur Last fällt. Dasselbe fordert er auch von den Gemeindemitgliedern. Untätig und frömmelnd das nahe Weltende abzuwarten in der Gewissheit, dann auf der richtigen Seite zu stehen, lehnt Paulus entschieden ab. Von den Gestalten der Bibel wissen wir im historischen Sinne fast gar nichts, aber sehr häufig den Beruf. Und dieser Beruf ist nicht „Heiliger“, sondern Hirte, Bauer, Fischer, Zimmermann, Fischer, Zeltmacher, Soldat, König – ja, sogar Prostituierte oder Steuereintreiber. Fünfhundert Jahre später finden wir dieselbe Denke in der Ordensregel des Benedikt von Nursia: „Müßiggang ist der Seele Feind.“ (48.1) Benedikt wettert scharf gegen die Bettelmönche und Säulenheiligen, die auf Kosten anderer leben und deren Frömmigkeit nur funktioniert, weil andere nicht so fromm sind, sondern arbeiten. In der Benediktiner-Regel heißt es über die Brüder: „Sie sind dann wirklich Mönche, wenn sie wie unsere Väter und die Apostel von ihrer Hände Arbeit leben.“ (48.8)40 In heutiger Sprache ausgedrückt: Aktivist sein, Zeichen setzen und Haltung zeigen, ist keine Arbeit.
Wenn man das durch Arbeit geschaffene Mehrprodukt als Basis von allem betrachtet, dann muss derjenige, der nicht arbeitet, aber trotzdem von der Gemeinschaft getragen wird, durchaus verpflichtet werden, einen Antrag zu stellen; die Gemeinschaft darf durchaus darüber entscheiden und er müsste dankbar dafür sein. Und es kann und sollte einen deutlichen Abstand geben zwischen denen, die Geld für eine geleistete Arbeit erhalten, und denen, die Geld von denen erhalten, die arbeiten. Daran ist nichts Unzumutbares. Ich fände es eher unzumutbar, wenn es nicht so wäre. Es ist schließlich zumutbar, dass man bei einem Haftpflichtschaden einen begründeten Antrag an seine Versicherung stellt – und das, obwohl man dort eigene Beiträge gezahlt hat. Was an einem bedingungslosen Grundeinkommen links sein soll, erschließt sich mir nicht. Neulich las ich die Bemerkung, dass sich die SPD von einer Arbeiterpartei in eine Interessenvertretung der Nichtarbeitenden verwandelt hat. Unter Begriffen wie „Geringverdiener“, „sozial Schwache“, „Unterprivilegierte“ versucht man alle in einen Topf zu werfen, als bildeten sie eine Opfer- und Interessengemeinschaft. Tun sie aber nicht. Und vielleicht sollte man sich fragen, in wessen Namen eigentlich die jahrzehntelange Kritik an den Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 stattfand und stattfindet: Im Namen derjenigen, die in Arbeit waren und mit ihren Steuern und Sozialbeiträgen alle Sozialsysteme finanzieren müssen? Im Namen der drei Millionen Menschen, die in Arbeit zurückgekehrt sind? Wohl kaum.
Mir geht es aber gar nicht um irgendein Ausspielen verschiedener Gruppen gegeneinander. Mit geht es auch nicht um radikale Schwarzweiß-Lösungen im Sinne des letztlich unsinnigen „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Mir geht es eigentlich nur darum, dass wir in diesem und in anderen Feldern nicht aus den Augen verlieren, was der eigentliche Kern und letztliche Generator einer Sache ist, ohne den das andere nicht funktioniert. Natürlich sollen unverschuldet in Arbeitslosigkeit Geratene von der Solidargemeinschaft aufgefangen werden und ohnehin soll in unserem Land niemand Hunger leiden. Aber Fürsorge für Arbeitslose ist nicht dasselbe wie gute Bedingungen für Arbeitende. Und was denken eigentlich arbeitende Menschen, wenn in Zeiten eines katastrophalen Arbeitskräftemangels mehr als zwei Millionen Menschen wie ungerecht behandelte Opfer eines bösen Wirtschaftssystems dargestellt werden?
Brauchen wir eine Herrschaft der Arbeiter? Nun, auf die „Diktatur des Proletariats“ oder andere martialische Phasen, die wir angeblich im Ablauf der marxistisch-leninistischen Heilsgeschichte abarbeiten müssen, kann ich gewiss verzichten. Aber eine Sache sollten wir nicht vergessen: Ein Kunde, der für eine Ware oder eine Dienstleistung bezahlt, kann zu Recht über die gelieferte Qualität richten. Ein Lehrer oder Meister, der Wissen vermittelt und Fertigkeiten beibringt, kann zu Recht den Lernerfolg bewerten. Ja, auch ein Unternehmen, das für die Arbeitskraft bezahlt, darf die geleistete Arbeit beurteilen. Deshalb ist es nicht gesund, wenn eine Gesellschaftsschicht, deren Wirken stark auf der „indirekten“ Seite angesiedelt ist, sich gleichzeitig zum Richter aufspielt über die Menschen, von deren Steuern oder Gebühren sie lebt und deren Wohle sie dienen soll. In einer Demokratie richtet das Volk über die Regierung und ihre Entourage – und nicht umgekehrt. Wir wären einen großen Schritt weiter, wenn der Gedanke wieder ins Bewusstsein rückte, dass das schlichte Funktionieren der Gesellschaft auf tausenden konkreten Arbeiten aufbaut und die Verwirklichung gut gemeinter Zukunftsideen von dem durch Arbeit erwirtschafteten Mehrprodukt abhängt.
Gerechtigkeit – Chancengleichheit oder Ergebnisgleichheit?
In Unternehmen, ja, wahrscheinlich in allen Organisationen und gar in Familien trifft man auf eine Hierarchie jenseits dessen, was in den Organigrammen steht: Arbeit fließt immer dorthin, wo sie erledigt wird. Und zu wem die Arbeit fließt, der hat Macht, ob er will oder nicht. Er braucht nämlich nicht unbedingt die, die oben in den Kästchen stehen, aber die oben in den Kästchen brauchen die, die Arbeit tatsächlich erledigen.
Hat eine „linke“ Ökonomie einen gerechten Platz für die, die tatsächlich die Arbeit erledigen? Seitens der Gewerkschaften und Betriebsräte habe ich über viele Jahre eine panische Angst vor Ungleichheit erlebt. Aber weniger vor Ungleichheit im Sinne unfairer Behandlung – jenseits der unausrottbaren zwischenmenschlichen Schmutzeleien gibt es in größeren mitbestimmten Unternehmen wenig Raum für strukturell ungerechte Behandlung, erst recht nicht in Zeiten des Fach- und Arbeitskräftemangels. Der Abwehrreflex der Arbeitnehmervertreter richtete sich eher gegen die Wahrnehmung, dass es schlicht und einfach Leistungsunterschiede zwischen Menschen gibt. Bei Führungskräften hatten die Betriebsräte sehr wohl eine genaue Vorstellung, wer seine Führungsaufgabe gut wahrnimmt und wer nicht. Aber bei der eigenen Klientel versuchte man, die Frage zu umschiffen. Wo es Leistungsbeurteilungen gab, sollten sie möglichst zu einem für alle gleichen Ergebnis am oberen Rand führen. Dabei galt in der Arbeiterbewegung einst der Slogan „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“.41
Erst recht scheint mir die innovative, gestalterische und somit wertschöpfende Rolle des Unternehmers in der linken Ökonomie keinen Platz zu haben – bei Marx nicht und bis heute nicht. Da ist die linke Ökonomie genauso im anonym-objektivistischen Denken verfangen wie auch die „kapitalistische“ Volkswirtschaftslehre außerhalb von Joseph Schumpeter. Hier wie dort führt es in eine absurde Verleugnung der Wirklichkeit. Diese gilt für alle Mitspieler: Kein Job ist so einfach, dass er nicht Raum bietet, die Extrameile zu gehen. Das ist das in jeder Hinsicht Fatale des Taylorismus und vieler aktueller digitaler Prozesse, dass sie den Arbeitenden den Raum für die Extrameile nehmen und das noch als Fortschritt feiern.
Und der Unternehmer, der mit einer Pionieridee ein Unternehmen gründet, es gegen Widerstände zum Erfolg führt und vielleicht über Generationen erhält und weiterentwickelt, der geht eben die ganz große Extrameile. Diese Unternehmer brauchen übrigens keine Nachhilfestunden in Nachhaltigkeit und Respekt für Arbeit. Im Gegenteil, nicht selten habe ich Unternehmer in einer Weise reden hören, die jede rote Zelle aufgemischt hätte. Und ehrlich, wenn ein solcher „echter“ Unternehmer mit seiner Extrameile und Pionierleistung reich wird, dann gönne ich es ihm von Herzen und sehe darin nicht den geringsten Verstoß gegen irgendeine soziale Gerechtigkeit. Ich amüsiere mich eher über das Allheilmittel der Reichensteuer: Natürlich ist kein Steuersatz in Stein gemeißelt, aber es ist irgendwie witzig, dass man einerseits Reichtum anprangert und für die Wurzel aller Ungerechtigkeit hält, andererseits aber das Paradies der sozialen Gerechtigkeit darauf bauen will, dass es immer Reiche geben wird und diese auch in alle Ewigkeit so reich sein werden, dass man sie unbeschadet melken kann. Wann schafft es die linke Ökonomie, Unternehmer nicht mit Couponschneidern gleichzusetzen?42 Wann schafft sie es, für den wertschöpfenden Charakter des Unternehmertums einen Platz zu finden? Wann erkennt sie, dass es längst eine Seelenverwandtschaft zwischen beiden Arten wertschöpfender Arbeit gibt – und ein gemeinsames und wachsendes Unbehagen gegenüber einer administrativen Schicht, die nichts Produktives beiträgt, sich aber zum Zuchtmeister der Gesellschaft aufschwingen will?
Den Maßstab der Chancengleichheit mit dem Maßstab der Ergebnisgleichheit gleichzusetzen, beinhaltete die Auffassung, dass alle Menschen gleich dächten und handelten, wenn man sie nur ließe – und gefälligst auch alle gleich denken und handeln sollten. Damit nähme man dem Menschen das, was ihn auszeichnet – er dürfte sich nicht mehr vom Vorgegebenen ablösen, dürfte keinen Gestaltungsraum mehr haben und damit letztlich keine eigene Person mehr sein.
Ist links gleich fortschrittlich oder fortschrittlich gleich links?
Das Etikett „links“ taucht sehr häufig in der Kombination „links-fortschrittlich“ auf – mit “rechts-konservativ“ als Gegenbegriff. Der Begriff vermittelt den Eindruck, als wüsste irgendjemand, wohin die Geschichte fortschreitet und als sei es deshalb automatisch besser, früher dort anzukommen und als müssten alle Zögernden wie quengelnde Kinder oder schlecht erzogene Hunde mit Gewalt zum Ziel gezogen werden. Uns sollte misstrauisch machen, dass sich nicht nur sowjetischer Kommunismus und amerikanischer „New Deal“, sondern auch Nationalsozialismus und italienischer Faschismus als Fortschrittsbewegungen verstanden – übrigens genauso wie Kemalismus oder die Offiziersregimes in Irak, Algerien, Ägypten und Syrien. Sagt das irgendetwas aus über die Güte der Inhalte und der Folgen? Die Verwirrung wird komplett, wenn zwar „konservativ“ schlecht, aber „nachhaltig“ gut sein soll. Wie erbärmlich ist eine geistige Elite, die sich an solchen Flachheiten berauscht!
Der statische Begriff des Fortschritts
Nun ist „Fortschritt“ eines der Zauberworte der Moderne, erst recht des Industriezeitalters und erst recht der letzten Jahrzehnte, in denen sich der technische Fortschritt beschleunigt haben soll. Auch ich gebrauche wie jeder andere das Wort „fortschrittlich“ sowohl im Alltag auch in der politischen Diskussion achtlos und ohne groß darüber nachzudenken, sozusagen als Synonym für „besser“. Es lohnt jedoch, den Begriff kritisch anzuschauen, da er auch im achtlosen Alltagsgebrauch bestimmte Annahmen beinhaltet. Er beinhaltet das Bild eines festgelegten Weges zu einem festgelegten Ziel, und zwar zu einem erstrebenswerten Ziel. Und er beinhaltet das Bild, dass einige auf diesem Wert weiter fortgeschritten sind. Der Begriff beinhaltet, dass das Ziel positiv ist. Eine Räuberbande, deren Vorbereitungen für einen Bankraub schon weiter gediehen sind als diejenigen einer anderen, würde man kaum als fortschrittlich bezeichnen. Man redet davon, dass die Abholzung der Regenwälder oder die Verschmutzung der Meere fortschreitet, aber sind Abholzung und Verschmutzung deshalb fortschrittlich?
Der Gebrauch des Wortes „fortschrittlich“ setzt auch voraus, dass der Weg festgelegt ist, denn sonst könnte man ja nicht wissen, ob eine Gruppe wirklich schon näher am Ziel oder nicht einfach nur vom Weg abkommen ist. Dies wiederum beinhaltet, dass man eigentlich die nächsten Stationen kennen müsste, so wie man auf einer Wanderung oder Bahnreise weiß, wo man ist und welche Schutzhütten oder Bahnhöfe als nächstes kommen. Der Begriff bedeutet schließlich, dass Fortschritt etwas Objektives ist – der Begriff machte keinen Sinn, schon gar nicht als Wertung, wenn der Weg das Ziel wäre oder wenn die Wandernden einfach selbst bestimmten, wohin sie gehen wollten.
Der so dynamisch klingende Begriff des Fortschritts beinhaltet also eine sehr statische Vorstellung, nämlich dass sowohl das Ziel als auch der Weg dorthin schon festgelegt sind und wir die vorgezeichneten Wege nur noch ablaufen können – allenfalls ein bisschen schneller als die anderen. Ein so konzipierter Fortschrittsbegriff beinhaltet noch eine andere Ungereimtheit: Wenn die Fortschrittlichen wissen, wo das Ziel ist und obendrein, dass jede Station auf dem Weg dorthin immer ein bisschen besser ist als die vorherige, warum halten sich die Fortschrittlichen dann eigentlich mit der gegenwärtigen unvollkommenen Zwischenstation auf und versuchen gar, uns dafür zu gewinnen? Wenn wir doch wissen, wie es weitergeht, warum gehen wir dann nicht gleich zur übernächsten Station? Oder um die bildliche Ausdrucksweise zu verlassen: Warum verwirklichen wir dann nicht gleich das viel bessere übernächste oder überübernächste politische, technische oder organisatorische Konzept?
Geschichte und eben auch die Fortschrittsgeschichte scheint immer logisch und zwangsläufig auf den Punkt hinzulaufen, an dem wir uns gerade befinden. Aber wie geht es weiter? Nun, darauf gibt es verschiedene Antworten. Wir sehen immer wieder, dass die eigene Zeit als etwas ganz Besonderes erlebt wird. Als Zeit, in der alles schneller geht als früher. Als Zeit, in der das „Ende der Geschichte“ gekommen zu sein scheint. Als Zeit, die sich anmaßt, alles, was vorher war, an ihrem Maßstab zu messen und zu verdammen. Als Zeit, in der sich Menschen zur „letzten Generation“ erklären.
Und andererseits sehen wir, dass ständig von Trends die Rede ist. Unter den Trends gibt es dann noch sogenannte Megatrends, die offenbar so etwas wie unaufhaltsame Dampfwalzen sind. Man könnte einen Kometen, der genau auf die Erde zurast, als Trend oder Megatrend bezeichnen. Aber welche Bedeutung hat Trend im Zusammenhang mit menschlichem Handeln? Kommt der Trend auch, wenn niemand etwas dafür tut? Oder hat die Etikettierung als Trend normativen Charakter: Damit der verkündete Trend wirklich kommt, müssen wir alle mitmachen? Oder gnadenlos alle Zwischenstationen absolvieren? Gibt es abgesehen von Dingen wie Kometen irgendwelche Trends, die unabhängig wirken von unserem Handeln?
Wir sehen an diesen methodischen Reflektionen: Dem Begriff des Fortschritts eignet wenig Dynamisches und viel Statisches. Es ist das Konzept einer fertigen Welt, in der es wenig zu gestalten und vieles nur noch zu exekutieren gibt. Nichts ist an sich „fortschrittlich“. Etwas kann fortschrittlich sein im Verhältnis auf Ziele, die wir selbst gesetzt haben. Aber das Ziel selbst kann nicht fortschrittlich sein.
Ein Fortschrittsbegriff für eine offene Zukunft
Wenn wir uns das zu Freiheit und Arbeit Gesagte noch einmal vor Augen halten und ernst nehmen, dann gibt es keinen Platz für einen deterministischen oder heilsgeschichtlich-teleologischen Fortschrittsbegriff. Wozu sollten Freiheit und Arbeit gut sein, wenn wir weder das Ziel noch den Weg zu diesem Ziel gestalten können? Dann wäre die Welt ein Zirkus. Dann wäre die Geschichte eine Zirkusvorstellung. Dann wären wir Menschen nichts anderes als dressierte Tiere in der Manege, die putzige Kunststücke vollziehen. Und wer wäre der Dompteur, wer wäre das Publikum? Der liebe Gott? Marx und Engels im Himmel? Ein Zentralkomitee? Professoren der Soziologie? Ein Algorithmus?
Ein „linker Fortschrittsbegriff“, der die Rolle von Freiheit und Arbeit ernst nimmt, kann prinzipiell nichts darüber sagen, wohin genau und wie wir schreiten werden. Der linke Fortschrittsbegriff müsste einzig und allein dafür sorgen, dass es überhaupt ein Fortschreiten geben kann und dass wir Menschen immer entscheiden und gestalten können, wohin es geht. Bei aller Robustheit müsste er hochsensibel sein gegenüber allen Angriffen auf das, was den Menschen zum Menschen macht.
Der linke Fortschrittsbegriff müsste sensibel sein gegenüber allen psychologischen Tendenzen, die uns weismachen wollen, dass unsere Urteile nicht authentisch sind und dass wir gar nicht wir sind. Er müsste allergisch reagieren auf alle identitären Bewegungen, die uns auf irgendein vermeintlich unveränderliches Wesen festnageln wollen und uns erzählen wollen, wir könnten uns identitätsübergreifend sowieso nicht verstehen. Er müsste alle Ansprüche ablehnen, die unter dem Motto „Unite behind the Science“ so tun, als sei Wissenschaft ein Wahrheitsautomat, der weiteres kritisches Denken überflüssig machte. Er müsste prinzipiell und unabhängig vom Anlass misstrauisch werden, wenn irgendeine Sache oder Meinung angeblich hundert Prozent Zustimmung findet – erst recht, wenn dies als Beweis der endgültigen Wahrheit genommen wird. Er müsste die Schutzlosigkeit vorziehen, wenn uns jemand vor dem Leben beschützen will, sei es in der Kindererziehung, sei es durch Warnhinweise. Er sollte kämpfen gegen alle digitalen oder nichtdigitalen Prozesse, die von vornherein keine Abweichung und keinen Regelverstoß mehr erlauben. Er sollten nervös werden, wenn jemand von Alternativlosigkeit spricht, denn es definiert uns als Menschen, dass wir uns vom Gegebenen lösen und Alternativen schaffen können. Er sollte die Warnlampen blinken lassen, wenn uns irgendeine Künstliche Intelligenz erzählen will, sie wüsste besser als wir selbst, was gut für uns ist. Er müsste die Alarmglocken läuten lassen, wenn uns jemand weismachen will, Freiheit sei unnötig, weil ja klar sei, was Gut und Böse ist.
Der linke Fortschrittsbegriff sollte in gleicher Weise misstrauisch werden, wenn uns jemand weismachen will, unsere Ideen und Vorhaben seien ohne Anstrengung zu erreichen. Er sollte sich nicht einreden lassen, dass Erkennen, Planen, Steuern ohne einen Bezug zum Handeln und zur praktischen Erfahrung funktionieren kann. Er sollte nicht glauben, dass wir in der Welt irgendetwas gestalterisch bewegen können, ohne uns ein Stück in den leeren Raum zu bewegen und dabei das Risiko des Scheiterns einzugehen. Er sollte sich nicht einbilden, dass wir diesen risikoreichen Schritt in den leeren Raum vollbringen können, ohne dabei von anderen Menschen getragen und im Falle des Scheiterns aufgefangen zu werden. Er sollte sich nicht erzählen lassen, dass Arbeit etwas wäre, dass man unabhängig von Raum und Zeit verrichten könnte. Er sollte nicht glauben, dass es reicht, gute Absichten zu haben und dass die Verwirklichung nur eine Nebensache für die unteren Chargen sei. Er sollte sich empören, wenn jemand es für moralisch wertvoll hält, die anstrengenden, lästigen, schmutzigen oder gefährlichen Seiten der Arbeit in der Unsichtbarkeit zu lassen.
Die Gestaltungsfreiheit, die uns die Natur offenbar lässt, ist größer als man sich jemals hätte vorstellen können. Aber diese Freiheit fällt uns nicht in den Schoß, es gibt sie nicht zum Nulltarif. Der Weg zur Freiheit führt über die Arbeit im weitesten Sinne. Und so fällt es mir am Ende ganz leicht, mit einem Satz aus Marx‘ Thesen über Feuerbach zu schließen – einem meiner Lieblingssätze überhaupt: „Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der Mensch die Wahrheit, d. h. die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen.“
 
1
Dieser Ansatz liegt der Studie des Goinger Kreises „Überbrückungshilfe. Zusammenhalt der Ge-sellschaft – wodurch er gefährdet wird und was wir in Unternehmen für ihn tun können“ Klopprogge 2022a) zugrunde.
 
2
Siehe auch die Auswertung bei Klopprogge et al. 2022a S.17.
 
3
Schon sehr früh haben linke Aktivisten den dystopischen Charakter der sowjetischen Herrschaft beschrieben: Bereits 1920 erschien der Roman „Wir“ des russischen Kommunisten Jewgeni Samjatin. Es war das erste Buch, welches offiziell in der Sowjetunion verboten wurde. George Orwell’s „Animal Farm“, eine Parabel auf die stalinistische Herrschaft, wurde 1945 veröffentlicht.
 
4
Ausführlich dazu Klopprogge 2023b.
 
5
Klopprogge 2023a, bes. S.110ff. und S.527ff.
 
6
Bohr 1958 S.271f. zu Determinismus und mechanischer Naturauffassung: „So fand man in Newtons Prinzipien die Grundlage für eine deterministische Beschreibung, die es gestattet, aus der Kenntnis eines physikalischen Systems zu einem gegebenen Zeitpunkt seinen Zustand zu jedem beliebigen folgenden Zeitpunkt vorauszusagen.“
 
7
Laplace 1818.
 
8
Skinner 1948 S.242: “You can’t have a science about a subject matter which hops capriciously about.”
 
9
La Mettrie 1748 S.145.
 
10
Marx 1894 S. 9.
 
11
Gates 2023.
 
12
Banse et al. 2006 S.212.
 
13
Fischer 2017 S.94ff.
 
14
Ausführlich dazu Bauer 2015, S.194-204.
 
15
Gehlen 1940 S.431.
 
16
Gehlen 1940 S.396: „Wenn wir also einen Antrieb, ein Bedürfnis fühlen, so liegt, es zu fühlen, nicht in unserer Macht. Aber es zu befriedigen oder nicht, das liegt in unserer Macht.“
 
17
Le Dantec 1904 S.95ff.
 
18
Natürlich gibt es diese Antwort auf der praktischen Ebene und in der politischen Diskussion sehr wohl und sie ist erschreckend platt: Wenn die Menschen in ihrem Denken nicht falsch beeinflusst wären, dann dächten sie genauso wie ich und hätten schon immer so gedacht.
 
19
Anders als ich haben es Marx und Engels offenbar nicht als Widerspruch empfunden. Und man kann es auch nicht einfach als Frühwerk abtun. Jedenfalls stammte Engels‘ „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ erst von 1876. Und Engels hatte keine Scheu, Marx‘ „Thesen über Feuerbach“ posthum erst 1888 zu veröffentlichen.
 
20
Marx 1845 S.5ff. Siehe auch Sartre 1943 S.508 „Es ist seltsam, dass man endlos über den Determinismus und den freien Willen hat diskutieren und Beispiele zugunsten der einen oder der anderen These hat anführen können, ohne vorher selbst zu versuchen, die in der Idee des Handelns selbst enthaltenden Strukturen zu klären.“
 
21
Engels 1876 S.451.
 
22
Engels 1887 S.345.
 
23
Vgl. dazu Koenig 2019 S.334 „Nous ne sommes pas dotés à la naissance de libre arbitre, comme si une fée s’était penchée sur le berceau de l’espèce humaine ; contrairement à la formule malheureuse de notre Déclaration des droits de l’homme, nous ne sommes pas « nés libres ». En revanche, nous pouvons cultiver et fortifier notre arbitre libre. C’est la clé de notre responsabilité, ni donnée (biologiquement) ni présupposée (intellectuellement), mais objet d’une lente élaboration. Plus nos circuits de décision sont complexes, plus notre capacité réflexive est mobilisée, plus notre acte, aussi insignifiant soit-il, reflète ce que nous sommes. En revanche, moins nous délibérons, moins nous nous contrôlons nous-mêmes.”
 
24
Schopenhauer 1839 S.364.
 
25
Wie alle KI arbeitet auch Chat GPT mit vorhandenen Texten und anderen Datenquellen. Um Hass-Texte und andere unangemessene Inhalte zu vermeiden (natürlich geht es immer um gute Absichten), werden dabei von vornherein alle Texte aussortiert, die bestimmte Worte aus einer Liste enthalten. Im Englischen etwa werden alle Texte aussortiert, die das Wort „nude“ (nackt) enthalten.
 
26
Luhmann 2014 S.7 “Der andere Mensch hat originären Zugang zur Welt, könnte alles anders erleben als ich und kann mich daher radikal verunsichern.“
 
27
https://www.literaturhaus-muenchen.de/ausstellung/vorschau-verbotene-buecher/
 
28
Schleicher 2023.
 
29
Rushdie 2023.
 
30
Siehe z.B. die Petition der Fabrikinhaber der Firma Leyen & Cie. in Krefeld an die preußischen Kammern 1854, in: Seitz 1980 S.316ff.
 
31
Schon bei Aristoteles findet sich die Bemerkung, dass arme Bauern nur Tiere hätten, weil sie sich keine Sklaven leisten könnten.
 
32
WELT 26.11.2023.
 
33
Marx 1894 S.822.
 
34
Siehe dazu etwa Murray 2019 S.51ff.
 
35
Ehrhardt 2022.
 
36
Hoffmann et al. 2023 S.7.
 
37
Vgl. zu diesem ganzen Zusammenhang ausführlich Klopprogge et al. 2022b.
 
38
Graßhoff et al. 2016 bes. S.780 und S.800.
 
39
2. Brief an die Thessalonicher, ca. 50 nach Chr.
 
40
Benedikt 540 S.102
 
41
Vgl. Engels 1875 S.3ff. und Marx 1875 S.11ff.
 
42
Es gibt durchaus Finanzströme, die nicht an der Realwirtschaft interessiert sind, sie aber fatal beeinflussen können, weil sie ein Vielfaches der realwirtschaftlichen Finanzströme ausmachen. Hinter diesen Finanzströmen stecken aber nicht unbedingt finstere Magnaten. Im Gegenteil, es sind zum größten Teil die Rentengelder und Ersparnisse von Millionen normaler Menschen, die in Fonds angelegt sind und von Banken verwaltet werden. Natürlich haben auch die Banken ihre eigenen Interessen in diesem Spiel, aber ich war selbst für die Anlage von Betriebsrenten mitverantwortlich und habe in Anlageausschüssen gesessen – gemeinsam mit unseren Betriebsräten. Dabei gab es niemals irgendwelche Meinungsverschiedenheiten zwischen Arbeitgebern und Betriebsräten. Wir haben vielmehr in schönster Harmonie wie echte Couponschneider gehandelt und unsere Gelder flexibel und weltweit dorthin verschoben, wo sie für unsere Betriebsrenten-Fonds die beste Rendite brachten.
 
Literatur
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Klopprogge, Axel / Burmeister, Anne / Erdmann, Christina / Jakobi, Eberhard / Mauterer, Heiko / Sau-erwein, Nadja, Ortsbesichtigung. Warum manche Arbeiten an Orte gebunden sind und wie sich das durch die Virtualisierung verändern könnte. Eine Studie des Goinger Kreises 2022 (Klopprogge et al. 2022b)
 
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Murray, Douglas, The Madness of Crowds. Gender, Race and Identity, London 2019 (Murray 2019)
 
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Paulus, 2. Brief an die Thessalonicher
 
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Rushdie, Salman über Empörungskultur und Zensur. „Es wächst eine Generation heran, die es sich unendlich leicht macht“ Ein SPIEGEL-Gespräch von Arno Frank, DER SPIEGEL 44/2023 (Rushdie 2023)
 
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Sartre, Jean-Paul, L' être et le néant: Essai d'ontologie phénoménologique, Paris 1943 (Sartre 1943)
 
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Schleicher, Michael, Freiheit unter Druck: Das Literaturhaus München zeigt „Verbotene Bücher“, Mer-kur 30.10.2023 (Schleicher 2023)
 
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Schmidt, Holger, Bill Gates: KI-Agenten sind das nächste große Ding im Internet, F.A.Z. 14.11.2023 (Gates 2023)
 
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Schopenhauer, Arthur, Preisschrift über die Freiheit des Willens, in: Kleinere Schriften, Werke in fünf Bänden Band III, Frankfurt am Main 2006 (Schopenhauer 1839)
 
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Seitz, Walter, Quellen zur deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte im 19. Jahrhundert bis zur Reichsgründung, Bd. 36, Darmstadt 1980 (Seitz 1980)
 
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Skinner, Burrhus Frederic, Walden Two, Indianapolis 2010 (Skinner 1948)
 
 
Kritische Gesellschaftsforschung
Ausgabe #03, Juni 2024
ISSN: 2751-8922
In dieser Ausgabe:
Axel Klopprogge
Die Rückkehr von Freiheit und Arbeit in eine neue Linke
Harald Walach
Schlachthof der Heiligen Kühe Ein Essay-Review über die Broschüre von Werner Thiede: Im Namen des sogenannten Fortschritts*
 
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