Schlachthof der Heiligen Kühe Ein Essay-Review über die Broschüre von Werner Thiede: Im Namen des sogenannten Fortschritts*
, Kazimieras Simonavicius University Litauen
Werner Thiede ist evangelischer Pfarrer der Bayreischen Landeskirche, Theologieprofessor an der Universität Erlangen und Autor. Ich habe ihn, außer in ein paar kurzen persönlichen Begegnungen, erst richtig durch sein Buch „Unsterblichkeit der Seele“ kennengelernt, das ich für „Spiritual Care“ rezensiert habe.1 Er ist als Autor seit vielen Jahren aktiv. Neben klassisch-theologischen Themen befasst er sich, das war mir vorher nicht so bewusst war, mit heißen Eisen und heiligen Kühen des Fortschritts: Mobilfunk, Elektrosmog und Digitalisierung.
 
Diese Heiligen Kühe des Fortschritts und noch ein paar andere werden in dieser kleinen Broschüre erbarmungslos geschlachtet. Eine nach der anderen. Der ökologiebewussten Veganerin wird das Entsetzen in die Glieder fahren. Am spektakulärsten finde ich gerade diejenigen Heiligen Kühe, die in der Gesellschaft am kritiklosesten präsent sind: Mobilfunk, 5G und die damit verbundene Digitalisierung der Gesellschaft, Photovoltaik, Windkraft und das funkgesteuerte automatische Zählen des Energieverbrauchs.
Thiedes Kritik richtet sich dabei keineswegs gegen die Konzepte an sich – wiewohl die Digitalisierung durchaus sehr grundlegend kritisiert wird – sondern vor allem gegen die Geschwindigkeit und den Zwang, der mit der Einführung dieser Technologien verbunden ist. Dieser Zwang führt nämlich dazu, dass sich stillschweigend das abendländische Konzept der freien Person stillschweigend in das verändert, auf das dieser ganze Fortschritt hinausläuft: auf einen digitalen Automaten oder einen transhumanistischen Cyborg.
Daher geht Thiede konsequent und analytisch sauber genau so vor, dass er in einem ersten Kapitel auf 8 Seiten den Transhumanismus kurz vorstellt. Transhumanismus kommt ja in unterschiedlichen Facetten daher, aber gemeinsam ist allen, dass Transhumanismus davon ausgeht, dass Menschen sich im Zuge der Evolution auf die eine oder andere Weise mit Automaten verbinden werden, ihre biologisch gegebenen Grenzen überwinden und damit zu einer Art „Übermenschen“ werden – fast wollte man dazusagen „müssen“. Es gibt wenige Denker, die mir aufgefallen wären, die gesehen haben, dass viele der modernen Irrungen und Wirrungen im Grunde eine gemeinsame ideologische Klammer verbindet, nämlich die Ideologie des Transhumanismus. Thiede ist einer von denen, die das klar sehen und klar sagen.
 
In den kurzen Folgekapiteln widmet Thiede sich dann verschiedenen Themen. Sie alle sind Heilige Kühe unserer Gesellschaft. Also tabuisierte Themen. Wer sie kritisch beleuchtet gefährdet sein gesellschaftliches Ansehen, zieht in einem ersten Schritt publizistisches Sperrfeuer auf sich und wird in einigen weiteren Schritten in die gesellschaftliche Irrelevanz manövriert. Das funktioniert genau über die digitalen Herrschaftsprozesse, die Thiede anprangert. Wenn man ihn beispielsweise in einer Internetsuchmaschine eingibt – ich verwende die angeblich neutrale Maschine Duckduckgo – dann kommt als erster Suchvorschlag „Werner Thiede Kritik“ und man stößt auf einen kritischen Beitrag einer evangelischen Zeitung. Thiede kann also an eigener Person demonstrieren, wovor er warnt: Die Prozesse der beschleunigten Digitalisierung, Automatisierung und Roboterisierung durch Künstliche Intelligenz werden dazu führen, dass immer weniger die Vernunft, der kritische Diskurs unter Informierten die Richtschnur dessen werden wird, was als gesellschaftlich akzeptabel, wahrheitsnäher oder brauchbarer gelten wird. Vielmehr werden reichlich undurchsichtige Kräfte, oft sogar einfach KI-Algorithmen, bestimmen, was akzeptabel, was richtig und was „woke“ ist.
Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, dass Thiede um diese Prozesse weiß und sehr bewusst auch damit rechnet, dass das, was er anprangert auch im Letzten zum Rufmord an seiner Person führen wird. Denn Digitalisierung und das fraglose Waltenlassen der KI-Algorithmen kritisieren ist ja schon schlimm genug. Aber Thiede schlachtet gewissermaßen die ganze Herde Heiliger Kühe unserer modernen Gesellschaft: Mobilfunk, Photovoltaik, Windkraft, smarte Energiezählung.
Weil Mobilfunk nur mit sehr hohen Frequenzen von Mikrowellen funktioniert, und weil die neuen Generationen dieser Technologie – 5G und 6G – nur mit noch höheren Frequenzen (und daher auch höheren Energien) operieren, ist er potenziell schädlich für Mensch, Tier und Pflanze. Und, so sollte man hinzufügen – Thiede sagt das nicht: Weil die Frequenzen höher und die Reichweiten kürzer sind, werden immer mehr Antennen und Wiederholer in ein immer dichteres Netz von Funkquellen eingebettet werden.
Nur: Niemand will diese Botschaft hören. Thiede zeigt, wie die Kommission, die über die Grenzwerte wacht, multipel mit der Mobilfunkwirtschaft verquickt ist. Interessenskonflikte, nennt man das. Er kann sich dabei auf unabhängige politische Untersuchungsdokumente, sogar aus der EU-Kommission, Journalistenrecherche und wissenschaftliche Dokumente stützen. Hat das dem Mobilfunkenthusiasmus irgendeinen Abbruch getan? Nein. Denn ohne diese Technologie wird der „Fortschritt“ ausgebremst. Wir werden auf selbstfahrende Kühlschränke, selbstfliegende Autos, sich selbst kochende vegane Schnitzel und viele andere Segnungen verzichten müssen. Denn all das, was die Politik unter den Kürzeln „Fortschritt“ und „fit machen für die Zukunft“ versteht, hängt an dieser Technologie. Thiede erwähnt einige autoritative wissenschaftliche Dokumentationen.
Mit diesem Problem des Elektrosmogs sind auch die Kritiken der nächsten beiden Kapitel, über die smarten Energiezähler und die Photovoltaik, verbunden. Denn der politische Fokus auf die sehr unregelmäßigen Energieträger Sonne und Wind machen es nötig, dass über Einspeisungen und Entnahmen sehr dicht Buch geführt wird. Die neuen Gesetze hierzu sind gerade erlassen und sehen räumlich dicht platzierte, funkende Energiezähler vor. Das wird über kurz oder lang dazu führen, dass in jeder Wohnung, an jeder Heizung neben jedem Kinderbett, weitere Strahlungsquellen hinzukommen.
Die forcierte Installation von Photovoltaikanlagen wird das Problem des Elektrosmogs vergröern, weil die Wechselrichter hochfrequente elektromagnetische Felder erzeugen und diese über die internen Leitungen von den Photovoltaikanlagen zurückgegeben werden.
 
Schließlich widmet der Autor sich in einem weiteren Kapitel den Windkraftanlagen. Diese verbauen und verdichten nicht nur sehr viel Land. Auch Wald fällt ihnen zum Opfer. Sondern sie benötigen selber viel Energie bei ihrer Erzeugung und zum Dauerbetrieb. Durch ihren Betrieb wird Infraschall erzeugt. Wir wissen zu wenig, wie dieser auf uns und andere biologische Systeme wirkt. Immerhin kommunizieren manche Tiere, Wale und Elefanten zum Beispiel, über Infraschall. Klar, gibt es bei uns nicht. Aber wer weiß denn schon, ob und inwiefern Infraschall nicht auch bei Kühen – gibt es eben sehr wohl in der Nähe solcher Räder – und Menschen wirkt. Thiede führt ein paar Befunde an, die Anlass zur Sorge geben.
Dabei ist Thiedes Text keine Philippika gegen diese Technologien oder gegen Fortschritt als solche. Vielmehr geht es ihm darum, dass der Fortschritt zu einer blinden Ideologie geworden ist. Wohin soll denn geschritten werden, außer „fort“? Gibt es ein Ziel? Ist dieses Ziel allgemein akzeptabel? Notwendig, oder gewollt? Oder einfach „alternativlos“?
Ihm geht es darum, dass die neue Art, diese Themen gesellschaftlich zu verankern, zum Beispiel durch Gesetze, den Menschen keine Wahl mehr lassen. Denn wer zukünftig in Baden-Württemberg oder Bayern bauen will, der muss verpflichtend Photovoltaikanlagen installieren. Gegen die Installation smarter Zähler wird es vermutlich schwer werden, Einspruch zu erheben, wenn die Justiz wie in ähnlich gelagerten Fällen auch eher politikfreundlich entscheidet. Daher, so Thiedes Analyse, ohne dass er es so drastisch ausdrücken würde, ist das logische Resultat dieser Entwicklung, wenn sie ungebremst weiter verläuft, eine Art Öko-Faschismus oder Totalitarismus, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Photovoltaik ja, sofern man sich frei dafür entscheiden kann. Photovoltaik nein, wenn sie zum Zwang wird. So könnte man Thiedes Position umreißen.
Denn, das führt er im Schlusskapitel aus, diese Entwicklungen sind dazu angetan, unser bisheriges Menschenbild und die Menschenwürde, deren integraler Bestandteil Freiheit ist, zu untergraben. Ich hatte als Kind ein Spielzeug, einen kleinen mechanischen Soldaten Schwejk, der damals durch seine Darstellung mit Fritz Muliar sehr populär war. Man zog den Soldaten Schweijk mit einem Federwerk auf, und, siehe da, er hoppelte gemächlich über den Boden, irgendwohin, bis er stehen blieb. Was mich schon als Kind faszinierte: Diese Maschine schien kein Ziel zu haben, nur fort. Vielleicht sollten wir diesem „Fort-schritt“ einen reflektierten „Ziel-schritt“ entgegensetzen, eine Art Entwicklung, die nicht zwangsweise und von oben verordnet irgendwohin führt, wo am Ende keiner hin will, sondern zur Erreichung von Zielen, die allgemein akzeptiert sind und zwar so, dass nicht relevante Minderheiten aus dem Diskurs verbannt werden.
 
Thiedes Broschüre ist aus meiner Sicht ein wichtiger Anstoß für einen breiteren Diskurs. Das Heftchen ist schnell gelesen. Auf 70 A5-Seiten, von denen je ein bis zwei Seiten nach jedem Kapitel Literaturhinweisen gewidmet sind, entfaltet der Autor seine Gedanken, sprachlich sauber, oft mit Fragen seine Leser und Leserinnen zum Denken anregend und nicht dozierend. Ich wünsche dem Text weite Verbreitung und vor allem eine Neuauflage, bei der das Literaturverzeichnis sauber und vollständig ist. Denn dieses ist unvollständig und ungeordnet. Das wird manchen genügen, die Inhalte beiseite zu legen. Das wäre schade. Denn Thiede hat sich gerade zu den kontroversen Themen Digitalisierung, Mobilfunk und Elektrosmog in eigenen Texten ausführlicher geäußert.
 
1
https://www.researchgate.net/publication/362108944_Werner_Thiede_2021_Unsterblichkeit_der_Seele_ Interdisziplinare_Annaherungen_an_eine_Menschheitsfrage_Theologische_Pladoyers_ Bd_13_Munster_Lit-Verlag_ISBN_978-3-643-14878-0_265_Seiten_Preis_D_2490_E-Bo
 
Literatur
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Thiede, W. (2023). Im Namen des sogenannten Fortschritts: Zur zunehmenden Einschränkung bürgerlicher Schutz- und Freiheitsrechte. Bergkamen: pad-Verlag; ISBN 978-388515-344-5, 6 Euro, 72 Seiten; www.pad-verlag.de
 
-
Thiede W. Unsterblichkeit der Seele? Interdisziplinäre Annäherungen an eine Menschheitsfrage. Münster: Lit Verlag; 2021.
 
 
Kritische Gesellschaftsforschung
Ausgabe #03, Juni 2024
ISSN: 2751-8922
In dieser Ausgabe:
Axel Klopprogge
Die Rückkehr von Freiheit und Arbeit in eine neue Linke
Harald Walach
Schlachthof der Heiligen Kühe Ein Essay-Review über die Broschüre von Werner Thiede: Im Namen des sogenannten Fortschritts*
 
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